Was ich der Wortwerkerin / dem Wortwerker schon immer sagen wollte
Alles neu macht Goslar
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Geschrieben von Hank Zerbolesch
15.08.205
Hinter Göttingen verändert sich die Landschaft, aber kühler wird das auch nicht. Mein Gott ist das beschaulich hier, mein Gott lass mich doch erstmal die Tasche abstellen, mein Gott ist das hoch! Ein Esstisch für zwölf Personen ist ein trauriger Anblick für einen allein, wenn ich hier jetzt meinen Arbeitsplatz aufbaue, knallt mir dann morgen früh die Sonne auf den Monitor und wo ist überhaupt der Mehrfachstecker, ach da, wie gehen diese Fenster zu, wo kommt das Brummen her, oh, da ist ja Bier im Kühlschrank, Harzer was, Hüttenbräu, das ist ja nett, ist denn schon nach vier? Nein.
Der Laden mit dem Namen „Gemüse-Döner“ hat keinen Gemüsedöner auf der Karte, ich hab mein Feuer vergessen, Kippen auch, Mist. Ein Vater schimpft seinen Sohn, weil der die Füße nicht auf die Halterungen der Wippe stellt („Jetzt tu die da drauf, die sind extra dafür da!“), und heißt das jetzt nur noch Galeria und nicht mehr Galeria Kaufhof oder Karstadt Kaufhof Galeria oder was? Und ganz ehrlich: ein Schuhgeschäft, das Rheingold heißt? Rheingold? (Exkurs: In meiner Heimatstadt, da gab es einen Laden, der hieß auch Rheingold, und im Rheingoldsaal, da gab es einen Club, Poison Club hieß der, und ich sag mal so: der Name war Programm.)
In der Kupferkanne schocken sie, davor streiten sie und daneben steht ein Mann und monologisiert halblaut in Lemmy Kilmister-Gedächtnis-Hotpants, während gegenüber eine Frau im roten Elektrorollstuhl rückwärts einparkt, die Frau dann aufsteht, ihre Tasche nimmt und davongeht, während ich vor lauter Staunen fast die Treppen der Arkaden runter und in den Rewe hineinfalle, so, neuer Supermarkt, erstmal zurechtfinden. Warum gibt es Dinkeltoast nur in kleinen Packungen zu großen Preisen, wie früh muss man Bananen ernten, dass die aussehen wie eine limettengrüne Kawasaki Ninja ZX-6R, wo finde ich vegane Fleischwurst, nein, das ist tierische, doch, hier, guck: Schwein, nein ich hab keine Payback-Karte, nein ich will keine Payback-Karte und bitte WAS KOSTET DER EINKAUF habt ihr Lack gesoffen?
Vor dem Linienbus steht ein Krankenwagen, zwei Meter weiter küssen sich ein Junge und ein Mädchen auf eine Art, wie das nur zwischen 16 und 19 möglich ist, und der Mann mit dem schwarzen T-Shirt, auf dem steht „Ich bin Papa und Opa“, der starrt die beiden kurz an, dreht sich dann wieder zu seiner Frau und erklärt ihr, dass man bei Amazon jetzt aber bestellen kann, weil Temu ist viel schlimmer und ganz ehrlich: irgendwo muss man seine Sachen ja kaufen, bei Galeria gibt’s ja nichts mehr, zumindest nicht in seiner Größe, Galeria also.
Wieder zurück ist die Haustür auf, wieder oder noch immer, ich weiß es nicht, verriegelt die wirklich von alleine ab, wenn ich gehe? Ich muss die Batterie aus der Wanduhr in der Küche nehmen, das Ticken macht mich verrückt und das Brummen ist wieder da, dieses verdammte Brummen, wo kommt das her, oh, da ist ja Bier im Kühlschrank, Harzer was, Dunkel, das ist ja nett, ist denn schon nach vier, ja, krass, und wieder ein Tag weniger auf diesem Planeten. Wie fand ich das heute, hab ich irgendwas geschafft, ich hab keine Ahnung, ich sollte was schreiben, ich muss was schreiben, Schriftsteller schreiben, ohne Worte bist du nichts, zumindest nicht ohne deine eigenen, und wenn die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffel haben, dann stecken die dicksten Geldbörsen doch an den … Nein, das ist ein Quatschgedanke, aber wo krieg ich denn jetzt Kippen her, ich brauch ein Büdchen.
PS. Wie haben die Menschen früher eigentlich ihre Handys geladen ohne Steckdose am Bett?