Was ich der Wortwerkerin / dem Wortwerker schon immer sagen wollte
Ballerbude
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Geschrieben von Hank Zerbolesch
28.11.2025
Ich hab lange überlegt, ob ich euch davon erzähle. Von dem Ort, an dem ich in eurer Stadt am Liebsten und Häufigsten bin. Warum? Weil manche Orte, die verlieren ihren Zauber, wenn zu viele Leute die gut finden. Das ist wie mit den Indie-Bands, die man früher gefeiert hat. Die waren auch nur so lange richtig gut, bis sie im Mainstream angekommen sind und alle sie geil fanden. Ab da waren sie dann irgendwie scheiße. Zu weich, zu poppig, zu glatt gebügelt. Daran dachte ich, als ich überlegte, ob ich euch von meinem Lieblingsort erzähle. Aber ganz ehrlich? Ich bin sowieso nicht mehr lange in der Stadt, darum hier und jetzt für euch: mein Lieblingsort in Goslar.
Ballerbude. Nirgendwo passt dieser Begriff besser als hier: Ballerbude. Hätte es in den 90ern auf der Thunderdome Fitnessstudios gegeben, sie alle wären Vorbild geworden für die eine Stahlschmiede, für den FitnessBUNKER auf der Mauerstraße, Ladys and Gentlemen: das Twins Gym. Goslars one and only Oldschool-Muckibude.
Und das Ding ist wirklich ein Bunker. Nicht ein Funksignal geht da rein oder raus. Aber Telefonate oder WhatsApps haben hier eh nichts verloren, hier nämlich geht es in den Bodybuilding-Tunnel, in den Kraftsport-Fokus, da ist kein Platz für andere Dinge. Und Musik brauchst du hier auch nicht, also lass die Kopfhörer zu Hause, weil die Musik, die sich hier durch das Studio schlängelt, sie ist wie das Geräusch, das entsteht, würde jemand alle Hanteln und Maschinen und Gewichte gleichzeitig aufeinanderschmeißen, ein 180 Bpm-Gabba-Themenpark, ein Gemisch aus Schreien und Flüchen und lautem Lachen: wunderschön.
Eine weitere Besonderheit: im Twins Gym grüßt man sich, selbst wenn man sich noch nicht kennt. Und natürlich gibt es hier auch den einen, der alle vollquatscht. Oder die andere, die mit Kopfhörern auf ihren ganz eigenen Film fährt. Und selbstverständlich ist da auch der eine Kerl, der immer diesen Ticken zu laut lacht. Aber die Sache, der Sport, der schweißt alle zusammen. Das Twins Gym ist wie ein Mikrokosmos. Eine Stadt in der Stadt. Ein Ort mit eigenen Regeln und Gesetzen, die noch nie jemand irgendwo gelesen hat, die aber alle kennen. Hier braucht es keine „Bitte räumt eure Gewichte weg“-Schilder. Wer hier nicht mitzieht, der kriegt ne Langhantel an den Kopf, so einfach ist das.
Nicht nur in, sondern wegen Buden wie dem Twins-Gym hab ich vor über 20 Jahren zu trainieren angefangen. Das hier ist Bodybuilding-Subkultur. Ein Treffpunkt für Eingeweihte. Für die, die keine atmungsaktiven Multifunktionsshirts brauchen, sondern bloß ein altes löchriges T-Shirt und eine ausgelutschte Jogginghose. Es ist roh, laut, und die Flecken an der Decke, das sind Stahl-Beton-Schweißflecken, wie es sie nur in den richtigen Fitnessstudios gibt, in den nicht-Ketten. Hier braucht es keinen Schnickschnack, nur das Nötigste, denn hier geht’s um die Sache. Um Männer und Frauen und Eisen. Und das schon sehr lange. Unzählige Fotos von Athleten, männlich wie weiblich, hängen hier an den Wänden, von den 90ern bis heute reichen die. Und wenn du ganz viel Glück hast, Goslar, dann kommen da noch richtig viele hinzu.
In meiner Zeit in Goslar musste ich auch immer mal wieder zur Konkurrenz. McFit und andere Fitness-Ketten. Manchmal weil ich in der Republik unterwegs war, manchmal weil meine Trainings- nicht mit den Öffnungszeiten des Twins Gym zusammengingen, und manchmal weil mir einfach scheiße nochmal die Gelenke weh taten. Denn im Twins Gym, da trainierst du anders. Intensiver. Härter. Unnachgiebiger mit dir selbst. Hier kommst du hin und gibst alles was du hast. Du ziehst mehr Gewichte, du drückst mehr Wiederholungen. Das Twins Gym ist wie ein Booster aus Stahl und Beton. Und wenn dir doch mal die Luft ausgeht, oder die Puste wegbleibt, dann reicht ein kurzer Blick an die Wand. Denn da steht, in riesigen Lettern gesprayt: „Train hard or go home“. Zum Vergleich: In einem anderen Fitnessstudio hing an gleicher Stelle ein Plakat, auf dem stand: „Es gibt keinen Fahrstuhl zum Erfolg. Du musst die verfluchte Treppe nehmen.“ Bis ich das zu Ende gelesen hab, da war ich duschen, hab mich umgezogen und lieg mit ner Tüte Chips zu Hause auf der Couch. Aber so ein pointiertes „Train hard or go home“, da ist Zug drauf. Das liest du beim Einatmen. Das brennt sich in dein Gehirn und lässt dich noch ein paar Gewichte draufpacken. Und wenn du die Hantel dann nicht mehr hoch kriegst, kein Problem, irgendwer kommt immer angelaufen und hilft dir, getreu dem Leitsatz „So viel wie nötig, so wenig wie möglich.“ Denn hier haben sich alle im Blick. Man hilft sich. Egal wer du bist oder was du tust. Auch darum wird mir das Twins Gym sehr fehlen.