Das Kloster

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Geschrieben von Hank Zerbolesch

25.09.2025

Gestern war ein richtiger Scheißtag. Nichts wollte wie es sollte, stattdessen ging die ganze Zeit das Telefon oder es klingelte an der Tür oder E-Mails kamen oder WhatsApps plingten oder Zooms ploppten, den ganzen Tag ging das so, von früh bis spät. Und dass der Sommer offiziell vorbei ist, das hat jetzt auch nicht gerade für Luftsprünge gesorgt. Bloß dafür, dass ich das Vitamin D wieder hinten aus dem Schrank holen musste. Das allein ist schon die Vorstufe von Winterjacke abklopfen und ein Garant für die schlimmste Laune aller Zeiten. Ich hasse den Winter. Aber manchmal ist das so. Da holt das Leben aus, haut dir eine runter und lacht laut über dich und deine Erwartungen an sich, also an das Leben.

Jetzt bin ich ja schon ein paar Tage alt und hab mir die eine und andere Art anerzogen, mit diesen Zeiten umzugehen. Und eine Art ist Kraftsport. An so Tagen wie gestern geh ich ins Fitnessstudio und pack mir so viel Eisen auf die Langhantel, dass ich gerade noch atmen kann und nicht darunter zusammenbreche. Und ganz besonders eignet sich ein Leg-Day für eben diese Tage. Lass die Beine drücken und ziehen, so lange, bis du nicht mehr aufstehen kannst, bis jeder Schritt schmerzt und dir das Pipi aus den Augen spritzt. Hab ich gemacht. Und manchmal hilft das, dann ist das Leben wieder in Ordnung – gestern nicht.

Aber kein Problem, wenn A nicht klappt, greift automatisch B, und B regelt alles, immer, denn B ist mein Allheilmittel, Ladies and Gentlemen, ich präsentiere: Der Alkohol. Das ist jetzt vielleicht pädagogisch nicht der wertvollste Tipp, aber ich glaube nicht, dass hier Horden 12-jähriger mitlesen und vor der nächsten Mathearbeit dann sagen: „Ich halt den Stress nicht aus! Der Hank hat doch gesagt, saufen hilft, also her den Kümmerling“, das seh ich hier nicht. Darum teil ich gern meine Medizin gegen permanente Überreizung mit euch: Alkohol. Und der wurde gestern folgendermaßen eingesetzt – dosiert, würde das medizinische Fachpersonal sagen.

Ich kam zurück vom Sport. Es hat einige Zeit gebraucht, die Treppen hochzukommen, aber so ist das an überambitionierten Leg-Days, da gilt alles oder nichts. Auf jeden Fall war ich irgendwann in der Wohnung, hab mir ein Bier aus dem Kühlschrank genommen, bin raus in die Altstadt – und keine fünf Minuten später musste ich wieder zurück, weil das Bier alle war, einfach weginhaliert, zack, leer. Ich also zurück. Die Treppen wieder hoch, den Kühlschrank wieder auf, das Bier wieder entkront. So. Und auf dem Weg nach unten dann passte mich ein Mann ab mit den Worten: „Du bist doch der Hank, oder?“ – „Ja“, sagte ich. – „Oh, das ist ja toll, wir wollten dich eh mal kennenlernen. Komm doch mal mit. Da freuen sich die anderen.“ Und weil der Schriftsteller in mir sagte: „Geh mal gucken, was da los ist“, bin ich dem Mann gefolgt. In ein schmales und über die Maßen aufgeheiztes Zimmer, und überall hing der gekreuzigte Jesus an den Wänden. Mal adipös, mal abgemagert, aber immer mahnend: „Für dich bin ich gestorben, also mach was draus.“ Nur kein Druck.

Auf jeden Fall war ich jetzt in diesem Zimmer. Wurde von einem Dutzend Männern herzlich begrüßt und eingeladen, mit ihnen zu essen. Ich würde gerne bleiben, sagte ich, aber essen könne ich nicht, ich sei im Trinkmodus. Aber das sei ja überhaupt kein Problem, schallte es zurück, da sei ich hier genau richtig, wir sind der Männerkreis der Gemeinde, willkommen. Und dann passierte gefühlt alles auf einmal: Man aß zusammen selbstgemachten Leberkäs, dann hielt jemand eine Laudatio zum 82. Geburtstag einer ihrer Mitglieder. Ich sprach mit allen über Gott und die Welt – erst über Gott, dann über die Welt –, und kurz darauf zeigte mir jemand seine selbstgefalteten Origami-Papier-Matroschka-Schildkröten, und die kleinste war kleiner als ein 1-Cent-Stück! Späße wurden gemacht, Witze wurden erzählt, Lebenswege wurden skizziert – und dann öffnete jemand den Jägermeister. Dem folgte Eierlikör und ein selbstaufgesetzter irgendwas, dann Bier, dann noch mehr Bier, dann anderes Bier, weil das eine war leer. Und als ich irgendwann völlig fertig – aber mit ruhigem Kopf und friedlicher Seele – neben dem Bett lag (irgendwie muss ich da rausgefallen sein, ich weiß auch nicht), dachte ich noch so: „Hättste auch nicht gedacht, wa? Dass du im Kloster mal so’n Spaß hast.“ Dann dachte ich an Campino von den Toten Hosen, der auch in einem Kloster die Texte zum besten Hosen-Album aller Zeiten geschrieben hat. „Hoffentlich hatte der auch so gute Gesellschaft“, dachte ich und kippte kopfüber in einen tiefen und traumlosen Schlaf.

Und die Moral von der Geschichte: Wenn dein Tag scheiße läuft, geh ins Kloster. Das hilft.