Was ich der Wortwerkerin / dem Wortwerker schon immer sagen wollte
Der See
Geschätzte Lesezeit: 4 Min
Geschrieben von Hank Zerbolesch
11.09.2025
Goslar, du hast ein Problem. Dieses Problem ist medizinisch-versorgungstechnischer Natur, aber dazu ein andermal mehr, du kannst in Paris nicht über Paris schreiben. („Was meint der damit?“ – „Der zitiert sich selber.“ – „Ganz schön eingebildet, wa?“ – „So sind sie, die Schriftsteller.“) Was ich euch aber erzählen kann, das ist euer anderes Problem, ein kleineres, ein Problemchen. Eigentlich ist das gar kein wirkliches Problem sondern bloß eine Beobachtung, da ist dieser jungen Kerl. Wie jung der genau ist, das kann ich nicht sagen, weil irgendwann ist das bei den jungen wie bei den alten: unmöglich zu schätzen, die sehen alle gleich aus.
Auf jeden Fall ist da dieser Typ. Der ist Teil einer Gang von Typen, und häufig sitzen die alle vor dem Kloster auf einer der Bänke. Die meisten der Jungs erzählen sich den neusten Scheiß, lachen viel zu laut, scrollen durch ihre Smartphones, was man halt so macht, wenn man frei ist von Verantwortung oder Druck oder dem Finanzamt. Nur dieser eine Typ, dieser junge Kerl, der ist anders. Der sitzt da, in all dem Tumult, seelenruhig, ignoriert die Welt und knackt sich einen Sonnenblumenkern nach dem anderen aus den Schalen. Dabei sieht er aus, als wäre sein Sonnenblumenkernknacken Teil einer Meditationsübung. Vier Sekunden einatmen, vier Sekunden Luft anhalten, vier Sekunden ausatmen, Sonnenblumenkern knacken. Und wenn die Gang dann irgendwann weiterzieht – und das ist der Punkt, auf den ich hinaus will –, dann bleibt eine Art traurige Stille, ein paar Kippenstummeln und: ein See aus aufgeknackten und ausgelutschten Sonnenblumenkernhülsen. Und immer wenn ich das sehe, diesen Sonnenblumenkernhülsensee, dann denk ich an Murat (Name von der Redaktion geändert.)
Murat war, wie wir alle zu der Zeit, irgendwas zwischen 15 und 18. Und wie wir alle saß Murat jeden Tag auf der Mauer vor dem Getränkemarkt. Wir quatschen dummes Zeug, lachten viel zu laut, tranken Bier und rauchten Kippen. Und jeder von uns hatte so seine Eigenart. Der eine fiel immer besoffen vom Mofa, der andere schlug nach drei Bier so lange vor die Waschbetonwand, bis ihm das Blut zwischen den Fingerknöcheln herunterlief, ja und Murat, der hatte eine Wissenschaft daraus gemacht, wie man so weit wie möglich dünne Spuckfäden aus den vorderen Zahnzwischenräumen schießt. Und Murat hatte sein Talent in jahrelanger Obsession dermaßen verfeinert, das wir darüber nachgedacht hatten, das als Olympische Disziplin vorzuschlagen: Zahnzwischenraum-Spuckschießen – oder so.
Auf jeden Fall bildete sich vor Murat immer ein Spuckesee, nicht unähnlich dem Sonnenblumenkernhülsensee vor den Bänken am Kloster Neuwerk. Und so wie man früher Murats Spur quer durch die Stadt folgen konnte – das Zahnzwischenraum-Spuckschießen hörte ja nicht auf, nur weil Murat jetzt lief –, so kann man heute der Sonnenblumenkernhülsen-Spur folgen. Und diese Spur, die geht die Rosentorstraße weiter in Richtung Innenstadt, macht einen zehn Zentimeter breiten Sonnenblumenkernhülsensee-Zwischenstop an der Gammelmauer, zieht dann weiter und endet abrupt auf der linken Seite des Eingangs zur Galeria … um auf der rechten wieder herauszukommen und weiterzuziehen.
Ich bin dieser Spur einige Zeit gefolgt. Weil ich wissen wollte, wo sich die Murats von heute so rumtreiben. Aber dann hatte ich auf dem Marktplatz einen Bud Spencer und Terence Hill „Das Krokodil und sein Nilpferd“-Moment, dass ich meine Verfolgung abgebrochen hab und ins Köpi am Markt eingekehrt bin, wo ich meinen Frust mit ein paar Bier hinuntergespült hab. Nette Kneipe, nette Leute, und ich hab erfahren, dass die Harz Energie GmbH jetzt nicht der beste Anbieter für Strom und Gas, dafür aber einer der besten Arbeitgeber in der Region ist. Und ich dachte, das solltet ihr wissen. Wenn ich schon den Sonnenblumenkernknacker nicht liefern kann.
Man kann halt nicht immer alles haben.