Der Wächter

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Geschrieben von Hank Zerbolesch

23.09.2025

Da ist dieser Mann. Markus Gasser. Markus Gasser hat einen der reichweitenstärksten YouTube-Kanäle über Literatur, die das Internet zu bieten hat. Und auf eben diesem Kanal, „Literatur ist alles“, da packt er alles aus, was er weiß. Über Bücher und wie man zu ihnen findet, als Leserin oder als Schriftsteller. Er erzählt, was er für wichtig, und welche Bücher er für unabdingbar hält und vor allem warum. All das macht er mit maximaler Begeisterung, und mit einem mir nicht unähnlichem Hang zum Pathos. Und weil Markus Gasser das schon so lange macht, und auch weil er das früher einmal gelehrt hat, kann man sagen: Der Mann hat Ahnung, der weiß wovon er spricht.

Mein Lieblingsvideo von Markus Gasser ist gleichzeitig eines seiner erfolgreichsten: „Wie man ein Buch schreibt“. Und das nicht, weil er darin erzählt, wie man ein Buch schreibt (tatsächlich ist alles was er zu dem Thema sagt eher abstrakt, bis auf diesen einen ganz speziellen Trick), sondern weil er das mit so einem Engagement macht, dass man gar nicht anders kann als ihm immer und immer wieder zuzuhören. Bis heute hab ich allein dieses eine Video ich glaub an die 40 mal gesehen, mindestens. Weil seine Begeisterung und seine „alles oder nichts“-Stephan-Weidner-Attitüde, weil das ansteckend ist, weil das überspringt. Immer wenn ich in Zweifel gerate. An mir, meiner Arbeit, der Kunst. Immer wenn das passiert, seh ich mir Markus Gassers Videos an – und die Zweifel verschwinden.

Es gibt nur wenige Menschen, die diesen Zustand auf Knopfdruck in mir auslösen können. Und das Witzige an der Sache ist: die wenigsten von denen, die das können, sind Schriftsteller. Oder Schriftstellerinnen. Der eine ist Rapper, der andere Rock-Musiker, und wieder ein anderer, den gibt es im echten Leben gar nicht. Und eben Markus Gasser. Aber was die alle gemeinsam haben: sie sind Freunde des Pathos. Darum ist meine Lieblingsstelle im „Wie man ein Buch schreibt“- Video auch die, in der er folgendes sagt: „Ein Autor ist nichts ohne Tradition. Weiter: Ein Autor ist nichts ohne die ganze Tradition.“ Ich liebe diesen Part. Er fühlt sich an, als zöge er dich aus dem Rinnstein, stellt dich hin, drückt dir den Rücken durch, Brust raus, Kopf hoch. Dann klopft er dich ab, rückt dir die Bomberjacke zurecht und sagt zu dir, so ernst wie er nur kann: „Jetzt zieh den Kopf aus dem Arsch, geh, und mach weiter.“

Es ist kein Handbuch, was Markus Gasser da zum Besten gibt, nein, es ist ein Pamphlet. Ein Pamphlet auf die Kunst im Allgemeinen und auf die Kraft der Literatur im Speziellen. Es ist eine Motivationsrede für alle Künstlerinnen und Künstler, ein Erweckungstraktat. Markus Gasser ist die Flamme des Zippo unter der Zündschnur. Er ist der Vorschlaghammer vor der „theoretisch könnt ich ja“-Wand, und er hämmert sie ein und legt ihn frei, den „ich mach das jetzt einfach“-Raum. Er ist wie dieser Tschakka-Typ, nur ohne die finanzielle Gewinnmaximierung auf der Metaebene. Und immer, wenn ich zweifle. Wenn ich mich frage: "Ist das richtig, was ich hier mache? Juckt das überhaupt irgendwen?" Kommt Markus Gasser, haut mir eine runter und sagt: „Es geht nicht darum, ob das irgendwen juckt, verdammte Scheiße! (Verdammte Scheiße sagt er nicht, das dichte ich ihm an.) (Aber ich darf das, ich bin Schriftsteller, Leuten Dingen andichten ist mein Job.) Es geht darum, dass du eine Aufgabe hast. Dass du am Kacken bleibst. Dass da etwas ist, an dem du wachsen kannst. Und vielleicht sogar über dich hinaus wachsen. Dass du morgen wieder aufstehst. Darum geht es. Nicht darum, was am Ende herauskommt. Es geht nicht um Erfolg und auch nicht darum, was andere darüber sagen oder denken. Es geht um dich. Nur um dich. Also setz dich hin jetzt und tu was zu tun ist.“

Und dann setz ich mich hin und tu was zu tun ist. Dank Markus Gasser. Meine Kunst wäre eine andere ohne ihn. Weniger hingebungsvoll, weniger Konsequent. Darum lautet die Losung: Lang lebe Markus Gasser. Lang lebe „Literatur ist alles“.