Was ich der Wortwerkerin / dem Wortwerker schon immer sagen wollte
Die große Stille
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Geschrieben von Hank Zerbolesch
23.08.2025
Gestern war ich auf einem Klassik-Konzert. In der Neuwerkkirche. Erste Reihe. Direkt vor der Klarinette. Direkt. Und ich sag mal so: emotional war das wie auf einem Metallica-Konzert inmitten eines Mosh-Pits … naja, zu stehen wär das falsche Wort, auf jeden Fall Teil des Mosh-Pots zu sein, während die Band zwei Stunden lang St. Anger spielt und du schreist und rennst und auf den Arsch fliegst und wieder aufstehst und weiter rennst … nur dass man halt sitzt. Also ich. Sitze. Saß. Hab gesessen. In der Neuwerkkirche. Erste Reihe. Vor der Klarinette. Krass war das. Das Stück, die Instrumente, die Leute, alles.
So. Und dann war das Konzert vorbei und ich war kurz mit den Musikern ne Kleinigkeit essen, hab mich verabschiedet, Tschau Kakao, und jetzt kommen wir zum eigentlichen Thema. Denn es war 22:00 Uhr. Ungefähr. Und ich dachte: läufste mal durch die Stadt und guckst, was Goslar an einem Freitagabend so auffährt. Und das, was dann passierte, das war erstaunlich, da passierte nämlich genau: nichts. Gar nichts. Die Cafés geschlossen, die Restaurants verriegelt und im „Wildfang“ kehrte sich ein einsamer Mann sein letztes bisschen Motivation aus der Seele. Keine Menschen auf den Plätzen, keine Musik aus Bluetooth-Boxen, keine Flaschen die zersprangen, kein lautes Geschrei, nada, niente. Alles war dunkel, und für mich noch viel ungewöhnlicher: alles war still. Es war, als hätte jemand den Ton der Stadt abgeschnitten. Als hätte sich Goslar auf Xatars Frage „Alles oder nix“ für nix entschieden.
Und dann, kurze Zeit später, hab ich verstanden, warum das bei euch auf den Straßen so still ist. Freitag Abend. In der Innenstadt. Ich war dann nämlich noch in der Musikkneipe. Da gab’s Menschen und Stimmung und Kaltgetränke. Die Leute vor der Theke waren eins mit der Musik ("Das Beste der 80er, der 90er und von heute!") und die beiden dahinter, die hatten Bock. Und – und das ist der entscheidende Punkt – überall standen Aschenbecher. Was mir vor ein paar Tagen an einem anderen Ort schon aufgefallen war, entfaltete hier und jetzt sein ganzes Potenzial, und in meinem Kopf machte es klick: bei euch darf in den Bars geraucht werden. Und darum hängt auch niemand auf der Straße rum. Keine Menschen, die sich vor den Kneipen sammeln und besoffen rumkrakelen, weil irgendwer meinte, er müsse mal kurz eine rauchen. („Warte, ich komm mit.“ – „Ich auch!“ – „Ich auch!“ – und immer so weiter.) In Nordrhein-Westfalen nämlich, da herrscht striktes Rauchverbot. In Clubs, in Bars, eigentlich überall, wo Menschen zusammenkommen. Und das sorgt dafür, dass sich die Straßen vor den Bars in Festival-Zonen verwandeln. Und weil sich immer mehr Nachbarn beschweren, wird das Ordnungsamt immer rigoroser und mahnt die Läden ab, so lange, bis die irgendwann das Handtuch werfen, verkaufen oder gleich dicht machen. Aber die Leute aus den Bars, die Gäste, die verschwinden dann ja nicht einfach. Die bleiben wo sie sind, trinken, rauchen, haben eine gute Zeit. Nur tun sie das dann eben auf der Straße, holen ihre Getränke beim Büdchen, und zum Pinkeln … Das Bild habt ihr, oder?
Auf jeden Fall verändert so ein Rauchverbot das Stadtbild immens. Ob zum Positiven oder Negativen ist glaube ich eine Generationenfrage, aber es wird anders. Und wenn man da mittendrin steht, dann kriegt man diese Veränderung nicht mit. So wie man sein eigenes Altern nur an den Kindern sieht. („Mein Gott, bist du groß geworden! – „Nein, du bist nur alt geworden.“ – „Also wenn wir früher so frech waren, dann haben wir aber eine mit dem Lineal gekriegt.“ – „Ich weiß Opa, und Sütterlin habt ihr auch gelernt.“) Aber unterm Strich, glaube ich, find ich keine Aschenbecher in den Kneipen besser*. Für mich. Weil ich dann weniger rauche. Entschieden weniger. Und weil das mehr Leben auf die Straße bringt.
Es sei denn, das Rauchverbot spült das Leben direkt vor meine Wohnung, dann nicht, dann find ich das scheiße, getreu der „Not in my Backyard“-Haltung: Windräder ja, aber auf gar keinen Fall in meinem Vorgarten. Stadtleben ja, aber nicht vor meinem Fenster. Da bin ich bockig, da bin ich stur.
*Habt ihr gemerkt, wie ich das Wort „Verbot“ umschifft hab? Gut, oder?