Was ich der Wortwerkerin / dem Wortwerker schon immer sagen wollte
Die Luftmatratze
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Geschrieben von Hank Zerbolesch
12.08.2025
Besoffen Koffer packen ist wie hungrig einkaufen: am Ende hast du nur Scheiße in der Tasche. Und um das zu vermeiden, hab ich Pack-Listen. Die arbeite ich ab, pack nach und nach alles in den Koffer, lösch die Dinge von der Liste (es ist eine digitale Liste), mach den Koffer zu … und denk dann, dass ich bestimmt was vergessen hab.
Kennt ihr das, wenn ihr auf dem Weg aus der Wohnung seid und nochmal nachsehen müsst, ob ihr den Herd angelassen habt? Und wenn ihr dann, nachdem ihr nachgesehen habt, nochmal nachsehen müsst? Das bin ich beim Koffer packen. Alles rein, zu, wieder auf, alles raus, wieder alles rein und immer so weiter. So lange, bis ich irgendwann vergesse, warum ich überhaupt hier sitze und Koffer packe. Dann guck ich wieder auf die Liste. Es ist nur noch die Headline übrig, und die schreit, in bold und in Versalien: GOSLAR. Stimmt, da war ja was, Goslar.
Einmal war ich schon da. In Goslar. Beim Kennenlern-Wochenende. Hi ich bin Hank, hi wir sind Gabriele Sabine Sabine Silke Heidi Heike Dorothee, auch und das ist Florian, hallo. Und alle waren sie offen und warmherzig, aber ich war eben auch so sehr damit beschäftig, mir all die Namen mit den dazugehörigen Gesichtern einzuprägen, dass ich vergaß, grundlegende Dinge zu fragen. Sowas wie: was macht das Wetter im Harz? Reicht eine Bomberjacke, oder muss ich nen Mantel einpacken? Gibt es bei euch Altbier? Oder muss ich ein paar Kisten mitbringen? Habt ihr eine Sperrstunde? Und wenn ja, wo sind die Läden für danach? Und wie sind die Klopfzeichen? Dinge eben, die man wissen muss, wenn man in eine neue Stadt kommt. Hab ich vergessen zu fragen. Und jetzt sitz ich hier. Mit meinem gerade wieder ausgepackten Koffer und der Frage, was ich in Goslar mit einer Luftmatratze will.
Unterm Strich aber ist das alles bloß Nervosität. Weil das Leben wie man es kennt, der Alltag, weil der kurz davor ist zu kollabieren. Das macht unsicher. Aber genau das ist es, was das Leben als Schriftsteller ausmacht. Nicht die Unsicherheit, sondern der Kollaps des Alltags. Das ist Teil meiner Definition: ‚Schriftsteller, der. (Also ich jetzt.) Person, die sich bewusst außergewöhnlichen emotionalen Situationen aussetzt und über das Erlebte Romane, Erzählungen, Hörspiele, oder wenn es ganz schlimm kommt auch mal Gedichte verfasst.‘ Aber nur weil das alles Teil des Jobs ist, bedeutet das nicht auch, dass es leicht ist. Denn du setzt nicht nur dich neuen Dingen aus, sondern lässt auch die zurück, die du liebst. Und die dich lieben. Und die Frage, die sich beim Kofferpacken in die Seele frisst, ist: Wird alles noch so sein wie es war, wenn ich wiederkomme? Und wenn nicht, wird es besser oder schlechter sein? Wie kann ich mich darauf vorbereiten? Oder wie das verhindern? Und dann weiß ich wieder, warum die Luftmatratze. Sie ist für die Gäste. Für Freunde und Familie. Für den Schmuck im Leben, für den Glanz in der Hütte. Und plötzlich ist da wieder Feuer. Für alles was kommt.
Wir sehen uns. Ab Freitag. Ich hab Bock. Und pack eben fertig.