Was ich der Wortwerkerin / dem Wortwerker schon immer sagen wollte
Die Preisverleihung
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Geschrieben von Hank Zerbolesch
18.08.2025
Stell dir vor, an einem bestimmten Punkt in deinem Leben nimmst du dir vor, Schriftsteller zu werden. Und dieses Vorhaben, das ist erstmal rein intrinsisch, sprich es geht dir um die Sache. Wobei schon weniger um das Schreiben an sich, als mehr um den Prozess des Umlenkens von Energie.
Okay, das klingt jetzt alles sehr abstrakt, werden wir konkreter: Es gab eine Zeit, in der war mein Leben über die Maßen ausschweifend. Und dieser Teil meines Lebens war sehr kräftezehrend – körperlich wie seelisch. Aber aus diversen Gründen war er auch alternativlos. Weil da so viel Druck war, und der musste raus. Also Ventil auf und kopfüber hinein ins nächste Drama und ins nächste und ins nächste und immer so weiter. Und dann kam die Kunst.
Ein paar Jahre später. Ich stehe auf Bühnen und lese Texte über eben jene Zeit. Es sind laute Storys voller Rausch und Ekstase und einer Wut auf die Welt, die dich Angst vor den Konsequenzen kriegen lässt. Und irgendwann, kurz nach der Veröffentlichung all dieser Texte als Buch, da fällt mir auf, dass der Druck weg ist. Die Wut ist raus. Und im ersten Moment ist da Angst. Weil ich so lange wütend war, dass ich die Wut für eine Charaktereigenschaft gehalten hatte. Für meine Hauptcharaktereigenschaft. Und was bitte bleibt da noch von einem Menschen, wenn man ihm das nimmt, was ihn ausmacht? Und das Schlimmste von allem: über was bitte soll ich denn jetzt schreiben, wenn nicht über meine Wut? Denn schon mit dem Erscheinen meines ersten Buchs Rausch Hour wurde mir klar: das ist was ich machen will. Bücher schreiben. Also hab ich mich hingesetzt und Entscheidungen getroffen. Entscheidungen für ein Leben als Schriftsteller. Und das Ziel sollte immer sein: schreiben. Was auch immer da rumort, schreib es auf. Später wurde daraus: was auch immer da rumort, verpack es in eine Geschichte, später dann in eine Geschichte mit Spannungsbogen und immer so weiter. Der Weg war das Ziel.
Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Als Kind des Poetry Slam war und ist mir auch immer wichtig, wie andere finden, was ich da mache. Feedback, Applaus, Anerkennung. Darum steig ich auf jede Bühne die ich kriegen kann, bediene ich Social-Media Kanäle und versuche auf viele andere Arten, meine Bekanntheit zu steigern. Weil ich glaube, dass das, was ich zu sagen habe, auch andere interessiert – oder sie zumindest eine gute Zeit haben lässt. Und ein Teil dieser Selbstvermarktung besteht daraus, mich für Literaturstipendien zu bewerben. Und diese Bewerbungen, die sind für mich der schwerste Teil der Selbstvermarktung, denn es ist ein Arbeiten im luftleeren Raum. Tage- und manchmal auch Wochenlang sitzt man an jeder einzelnen Bewerbung. Man entwickelt Konzepte. Man schreibt und schleift und poliert und verkauft sich so gut es eben geht, schickt es dann hinaus in die Welt … und hört nie wieder was. Neil Gaiman nannte das Prinzip in einer Rede mal „Ideen in Flaschen stecken und sie hinaus aufs offene Meer werfen, in der Hoffnung, dass irgendwann irgendwo irgendwas damit passiert. Dass irgendwer eine dieser Flaschen findet, sie öffnet und denkt: Wow, das ist eine gute Idee.“ Und genau das ist gestern passiert.
Es waren sehr viele Menschen, die da gestern in der Neuwerkkirche gesessen haben. Die sich angehört und angesehen haben, wie der Kerl, der vor ein paar Jahren noch so vollgestellt war mit Wut auf die Welt, wie der da oben stand und das Stipendium als Wortwerker entgegengenommen hat. Wie er sich gefreut hat darüber, dass jemand diese eine Flasche gefunden, sie geöffnet und hineingesehen hat. Und dass der Funke übergesprungen ist.
Okay, das klingt jetzt alles nicht wirklich weniger abstrakt als am Anfang. Und bestimmt wird der eine oder die andere jetzt denken: „Was labert der da für eine Scheiße bitte, ich versteh kein Wort! Sind die alle so, die Schriftsteller?“ Und darauf hab ich eine ganz konkrete Antwort: Ja. Oder wie Hemingway sagte: „Du kannst in Paris nicht über Paris schreiben.“ Und was er meinte war: „Du kannst so kurz nach einer Preisverleihung nicht über eine Preisverleihung schreiben.“ Darum hör ich jetzt auch auf. Bringt ja nix. Lieber noch ein Kaffee.