Was ich der Wortwerkerin / dem Wortwerker schon immer sagen wollte
Die Sonnenseiten
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Geschrieben von Hank Zerbolesch
02.09.2025
In Wuppertal, da gibt es eine Randsportart, die es so nur dort gibt und geben kann: Supagolf. Und unter anderem für diesen Sport war ich am Wochenende in Wuppertal.
Jetzt kam ich dort an, hab mich über meine Leute gefreut, über Freunde und Familie, und natürlich über Supagolf, aber … Ihr glaubt ja gar nicht, was in so einer mittelgroßen Großstadt los ist. Alle wollen sie dringend irgendwo hin oder haben unaufschiebbare Dinge vor, Menschen über Menschen, das reinste Gewimmel und Gewusel. Und als ich nachts in meiner Wohnung wach wurde, weil sich vor meinem Fenster mal wieder eine Traube versoffener Festivalbesucher festgequatscht hatte, da dachte ich so im Halbschlaf: „Och bitte, nicht jetzt auch noch in Goslar.“ Aber das war gar nicht Goslar, das war die Schokoladenseite der Wuppertaler Nordstadt.
Als ich am nächsten Morgen jemandem die Geschichte erzählte, da fiel mir beim Reden der Gedanke in den Kopf: „Hast du nicht vor kurzem erst gesagt, dass in Goslar abends nichts los ist? Und jetzt bist du da wo was los ist, und dann passt dir das auch nicht? Ja was denn jetzt?“ Und mit dieser Frage bin ich dann durch die Stadt. Also durch Wuppertal. Und ich hab mir die Menschen angesehen. In den Autos, in den Geschäften, in den Cafés, auf den Straßen. Und die ganze Zeit hab ich gedacht: „Wat is denn los mit euch? Was seid ihr denn alle so hektisch? Die Welt dreht sich weiter, selbst wenn ihr zu spät kommt. Oder auch mal gar nicht. Da kennt die nix, die Welt. In der Ruhe liegt die Kraft.“ Und als ich das alles so dachte, da ging mir euer große Vorteil auf, euer Verkaufsargument, euer Unique Selling Point: die Ruhe. „Goslar. Die Ruhe vor dem Harz.“, wär ein guter Slogan. Und als Subline: „Hier kotzt dir keiner nachts um drei vors Fenster, während der Rest ‚So ein Tag, so wunderschön wie heute‘ singt. Hier hält der Wagen an, wenn jemand über die Straße will. Und (und das ist jetzt eine Zuschreibung) wenn man hier ein paar AirPods mit dem Namen ‚Hanks AirPods Pro‘ findet, und die dir auch noch sagen wem sie gehören, dann behält man die hier nicht einfach!“
Jetzt könntet ihr natürlich argumentieren: „Hank, warum lebst du denn dann in Wuppertal? Warum kommst du nicht langfristig nach Goslar?“ Und die Antwort ist ganz simpel – und auch ein bisschen erklärungsbedürftig: Weil’s bei euch kein Supagolf gibt. Und damit meine ich nicht die bloße Randsportart an sich, sondern alles, was da noch hinten dran hängt. Für ein Event wie Supagolf nämlich, da müssen einige Faktoren zusammenkommen. Eine kaputtgesparte Stadt, zum Beispiel. Eine Kommune ohne irgendwelche finanziellen Mittel. Die den dort lebenden nichts bieten kann außer Bahnhöfe, eine Einkaufspassage, ein paar Bäume und das Luisenviertel. Und zu diesem Setting nimmt man dann eine Handvoll Leute, die da keinen Bock mehr drauf haben – und die das ändern. Und diese Leute, die sind der Grund, warum ich Wuppertal so mag. Die nämlich setzen Dinge um, die so nur in dieser Stadt möglich sind: die Hebebühne, das Literaturhaus, Utopiastadt, Gut Einern, das Vollplaybacktheater oder eben auch: Supagolf. Ich bin schon ein bisschen rumgekommen, und ich kann euch sagen: nirgendwo gibt es auf 100.000 Einwohner mehr engagierte Menschen mit dem Glauben an das Wahre, Schöne, Gute als in Wuppertal. Und der Preis, den man dafür zahlt, all diese coolen Menschen um sich zu haben, der ist dann eben Lärm. Krach. Besoffene Leute, die einem nachts um drei vor das Fenster kotzen, während der Rest übergegangen ist zu „Heute trinken wir richtig, jetzt wird’s erst richtig schön.“ Und wenn man dann doch mal ein bisschen Ruhe braucht (und man sich was schönes ansehen will), na dann kommt man halt nach Gosslar. So hat jeder Ort seine Sonnenseiten.
PS. Bin jetzt für ein paar Tage in Berlin. Gucken was die Stadt für Qualitäten hat. Spoiler: Ruhe wird das nicht sein.