Die Touristenkruste

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Geschrieben von Hank Zerbolesch

Bestimmt wollt ihr jetzt was über euer Altstadtfest hören, oder? Okay, machen wir’s kurz: Fressbuden, Bierbuden, Schnäpse, die man kopfüber auf den Tisch klopfen muss, damit die saufbar werden. Überambitionierte Parfums, Coverbands (da war eine Band, die sahen aus wie Mötley Crüe, und die haben dann „Westerland“ gespielt!), eine kleine Elektro-Laube, aus der Scooter ballert, Krustenbratenbrötchen, Rostbratwürstchen, und überall Menschen. Alters- und Sozialschichts-Durchschnitt: Zweitligaspiel, plus 30 Prozent Frauen, bis 22:00 Uhr, dann nur noch zwei Prozent, höchstens. Und alle in allen erdenklichen Zuständen, von leicht angetrunken bis wiewarnochmalmeinname? Kennste ein Stadtfest, kennste alle.

Kommen wir zu den interessanten Dingen. Wusstet ihr, dass in einer der Bands einer von der SPD spielt? Von der SPD! Ich hab mir die angehört, und …

[So. Und an dieser Stelle wollte ich eigentlich ein bisschen ablästern. Weil ich kein großer Freund von Stadtfesten bin. (Habt ihr gemerkt, oder?) Aber diese eine Band, ne. Die waren wirklich gut. Die hatten Bock, die hatten Energie, die waren ansteckend. Bei denen hatte ich ein bisschen das Gefühl, das ich früher immer hatte, wenn ich mit meinem Freund Benny zur Rheinkirmes im Schlösserzelt die Düsseldorfer Coverband „Der letzte Schrei“ live gesehen hab, das war toll. Der letzte Schrei und die eine Band mit dem von der SPD. Auch wenn der Sänger die Texte immer ablesen musste – das hat der Sache aber fast keinen Abbruch getan. Und jetzt: weiter im Text.]

… Musik und SPD, das ist ja nicht erst seit Lars Klingbeil und Roland Kaiser eine schwierige Kombination. Früher hat das noch gereicht, wenn du deinem Hiwi gesagt hast: „Hol mir mal ne Flasche Bier, sonst streik ich hier und schreib nicht weiter“, und dann kam da wer anders und hat Musik draus gemacht. Aber da haben sich die Zeiten wohl geändert. Wer heute in der SPD was reißen will, der muss ne Band haben – oder wenigstens drei Akkorde auf der Gitarre schrammeln können. (Anders als in der FDP, da muss man nicht mal das können, da reichen schon Grundkenntnisse in Magix-Music-Maker, guckt euch Marco Buschmanns Soundcloud-Account an.)

Und apropos Politiker, wusstet ihr, dass die Bürgermeisterin hier bei euch in Goslar eine Veranstaltungshalle bauen will, für die sich bei einem Bürgerentscheid gerade mal 35 Prozent der Leute interessiert haben? Und dass von den 35 Prozent dann 54 Prozent gesagt haben, dass die Stadt sich da bloß nicht beteiligen soll? Und dass es die Veranstaltungshalle jetzt trotzdem geben soll? (Ich glaube mit Beteiligung der Stadt, kann das sein?) Und wusstet ihr, dass Goslars Ehrenbürger Hans-Joachim Tessner da 10,5 Millionen Euro (wtf!) draufschmeißt, auf die Veranstaltungshalle? Aus seiner eigenen Brieftasche!

Ach und von wegen Bürgermeisterin: wusstet ihr, dass es im letzten Wahlkampf so heiß her gegangen ist, dass da ein Auto hart leiden musste, weil irgendwer das zerkratzt hat? (Hoffentlich war das nicht der Dienstwagen, aber der darf ja sowieso kaum noch bewegt werden.)

Wahrscheinlich wusstet ihr das alles schon – ich aber nicht. Ich wusste bisher nur wo der Rammelsberg ist, wo die Kaiserpfalz, wo das Kö und wo der Marktplatz. Das hat sich geändert. Jetzt kommen Leute zu mir, fahren ihre Stimmen runter und beginnen Sätze mit „Wusstest du, dass … “ Und wisst ihr was das heißt? Ich hab die Touristenkruste durchstoßen, das heißt das! Und darüber freu ich mich sehr. Denn jetzt, liebes Goslar, jetzt wird’s interessant. Jetzt kommt der Gossip. Der Klatsch und Tratsch. Rote Rosen und Sturm der Liebe trifft auf den Goslarer Wortwerker aka Stadtschreiber. Das wird was, ich sag's euch.

Und wenn hier irgendwer noch mehr solcher hochinteressanten und stadtrelevanten Informationen hat: immer her. Ich werde vertrauensvoll damit umgehen. So wahr ich Gabi heiße.