Was ich der Wortwerkerin / dem Wortwerker schon immer sagen wollte
Die Uhr
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Geschrieben von Hank Zerbolesch
29.08.2025
Erinnert ihr euch, als es in meiner Goslarer Küche gebrummt hat und ich das nicht zuordnen konnte? Kurz nach meiner Ankunft? Dinge wie diese – ein brummender Kühlschrank, eine tickende Uhr, ein knarzender Stuhl – die haben das Potential, mich in den Wahnsinn zu treiben. Und das müssen noch nicht mal Geräusche verursachende Dinge sein, da reicht auch manchmal schon ein leicht schiefer Tisch. Wenn ich da nicht nen Bierdeckel unter das zu kurze Bein stecke, hab ich keine Ruhe mehr. Ernsthaft, für sowas steh ich nachts auf.
So. Und jetzt wohn ich ja im Kloster Neuwerk. Und wenn ich arbeite, also schreibe (das hier zum Beispiel), dann sitz ich am Schreibtisch. Und dieser Schreibtisch, der steht neben dem Fenster. Und durch das Fenster hindurch (die alt eingesessenen ahnen sicher schon, wohin die Reise geht), da sehe ich die Deutsche Bank, sehe ich die Uhr – und die geht falsch. Gehen falsch. Alle. Alle vier Uhren an allen vier Seiten. Und zwar exakt 18 Minuten vor. Und ich kann die nicht abdeckend, kann die nicht umstellen, ich bin dieser Uhr schutzlos ausgeliefert.
Jetzt könntet ihr sagen: „Mach doch die Vorhänge zu, dann siehst du das nicht.“ Guter Einwand, hab ich auch gedacht, aber das Fenster, um das es hier geht, das hat keinen Vorhang. Darum hab ich den Schrank mit dem (sehr großen) Fernseher vor das Fenster gestellt. Sieht komisch aus, aber funktioniert.
Funktionierte. Denn nach kurzer Zeit schon sagte mein Kopf: „Das ist ja schön, dass du den Fernseher da vor das Fenster gestellt hast, aber die Uhr, die geht trotzdem falsch. Ha ha.“ So ist mein Kopf. Ich kann da nichts für. Und viel schlimmer noch: ich kann da nichts gegen machen. Nicht gegen den Kopf, nicht gegen die Uhr. Darum meine Fragen an euch. Erstens: Warum geht diese Uhr falsch? Die steht auf dem Dach der Deutschen Bank! Und das ist ja nicht irgendeine Bank, das ist eine multinationale Bank mit Standorten in Frankfurt, London, New York, Singapur, Hongkong, Sydney und in vielen anderen großen Städten der Welt. Also eine sehr bedeutende und wichtige Bank. Und als bedeutende und wichtige Bank, da achtet man doch auf sein Aussehen, oder nicht? Ey, Deutsche Bank. Du stellst doch auch keine tätowierten Seemänner ein, oder? Ne. Und weißt du auch warum nicht? Weil deren Aussehen auf dich zurückfällt. Wer aussieht wie Popeye der Seemann, dem vertrau ich doch nicht meine Finanzen an, also echt jetzt. Aber wenn das so ist, ne, warum geht dann diese Uhr, gehen diese Uhren alle falsch?
Zweitens: Wer ist hier verantwortlich? Wer hat den Hut auf? Wer kann das ändern? Ist das überhaupt zu ändern? Oder geht die schon so lange falsch, dass es ein Novum wäre, die jetzt richtig zu stellen? Oder ist die Uhr vielleicht ein Kunstwerk? Die Goslarsche Antwort auf Joseph Beuys’ Fettecke? Und ja, dieser Vergleich funktioniert nur, wenn irgendwer diese Uhr richtig stellt, ich weiß. Das nennt man indirekte Kommunikation. Oder auch durch die Blume sprechen. Sowas wie wenn du einen Freund Zuhause besuchst, und du dem dann sagst: „Boah, ist das kalt hier in deiner Wohnung“, aber eigentlich sagst du: „Ey, dreh deine Heizung hoch!“ Genau so sag ich euch: Goslar. Oder auch Deutsches Bank. Eure Uhren gehen falsch. Alle vier!