Was ich der Wortwerkerin / dem Wortwerker schon immer sagen wollte
Goslarer Kneipenguide – Teil 1: Das Kö
Geschätzte Lesezeit: 4 Min
Geschrieben von Hank Zerbolesch
07.11.2025
Ich weiß nicht, ob ihr das mitbekommen habt, aber meine Zeit hier in Goslar neigt sich dem Ende. Die letzten Wochen sind angebrochen, und das, was ich noch machen will, bekommt plötzlich den unangenehmen Beigeschmack von Deadlines. Und als ich darüber nachdachte, was für euch bleibt, wenn meine Zeit als Wortwerker vorüber ist, kam mir die Idee eines Kneipenführers. Zum einen, weil ich ein großer Freund der Institution Kneipe bin. Zum anderen aber auch, weil ich in den letzten Monaten beinahe jede einzelne Lokalität auf Herz und Nieren testen konnte. Und damit ihr auch was von meinem (zugegeben hochgradig subjektiven) Erfahrungsschatz habt, hier die Ergebnisse meiner Recherche: Willkommen beim neuen Goslarer Kneipenguide. Teil 1: Das Kö.
Das Kö ist die Blaupause aller alternativen Bars in ganz Deutschland. In jeder Stadt gibt es genau diese eine Kneipe. Die Musik laut, das Publikum jung, die Getränkeauswahl kurz vor unübersichtlich und die Einrichtung fancy. Wobei im Kö der obligatorische Lampenschirm fehlt. Ansonsten hat man das hier alles schon 1.000 Mal gesehen und gehört. Aber – und das ist der entscheidende Unterschied zu allen anderen alternativen Kneipen der Republik – die Leute hinter der Bar sind nett! Und wenn man fragt, bekommt man tatsächlich auch was zu trinken, ist das denn zu fassen – und sogar das richtige. (Was in Kneipen dieser Art überhaupt nicht selbstverständlich ist.)
Mein Lieblingsort im Kö ist die Bar gleich vorne am Eingang. Von hier hat man den besten Blick. Auf die Menschen vor und hinter der Theke. Man ist schnell am Getränk, und wenn jemand beim Dart abräumt, schwappt der Jubel rüber, und man wird passiver Nutznießer der allgemeinen Fröhlichkeit. Außerdem sind die Bedienungen freundlich, die ganze Zeit, das ist wirklich unglaublich. (Für mich als gebürtigen Düsseldorfer noch einmal mehr als für andere, weil unsere Altstadt-Kellner, die schmeißen mit Gläsern nach dir, wenn du Dinge sagst, die sie als unhöflich empfinden. Wenn du ein Glas Wasser bestellst, zum Beispiel. Da werden die cholerisch.)
Die prägnanteste Erinnerung ans Kö war für mich eine Geburtstagsfeier. Ein nicht mehr ganz so junger Mann wurde 30, und lud kurzerhand die ganze Stadt (!) zu einem kollektiven Birthday Bash ins Kö. Alle Getränke und Pizzen gingen auf den Mann der Stunde. Das Kö war angemessen herausgeputzt, vor der Tür und in der Bar gab es Security, und auch wenn ich anfangs dachte: bisschen überambitioniert, dauerte es nicht lange, und ich verstand, was der Mann der Stunde schon von Anfang an hatte kommen sehen: das Kö platzte aus beinahe allen Nähten. Und ich weiß noch, wie ich da saß, an meinem Platz an der Theke, ein Bier auf das Geburtstagskind trinkend, und darüber nachdachte, was das für ein philanthropischer Move ist, einfach die ganze Stadt einzuladen – als plötzlich diese junge Frau an der Bar stand. Sie hielt sich am Tresen fest und sah zu dem jetzt 30-jährigen hinauf. Der sagte: „Hallo“ und lächelte. Dann nuschelte die junge Frau: „Du bist der mit dem Geburtstag, oder“ – „Ja“, sagte der mit dem Geburtstag. „Cool“, sagte die junge Frau, nahm sich ein neues Bier und ging. Und der jetzt 30-jährige stand da, lächelte weiter und trank von seinem Bier. Und ich dachte, dass der Nachteil einer so großen Geburtstagsfeier, zu der einfach alle eingeladen sind, der ist, dass so viele Leute kommen – und nicht einer dir ein Ständchen bringt.
Aber irgendwie ist das Kö genau der richtige Ort für eine Feier wie diese. Es ist eine Sehen-und-gesehen-werden-Lokalität. Ein Zufluchtsort der jungen und der jung gebliebenen. Kein Ort, an dem Milch und Honig fließt, aber einer, an dem es für jeden das passende Bier gibt. Ein Ort mit einer verhältnismäßig geringen Handynutzungsdichte (was immer ein guter Messwert ist), und ein Ort, dessen Antwort auf die Bestellung „Irgendein Kurzen bitte“, so klassisch ist, dass man das Kö nur mögen kann: Jägermeister.
Prost.