Was ich der Wortwerkerin / dem Wortwerker schon immer sagen wollte
Goslarer Kneipenguide. Teil 2: Bauernstübl
Geschätzte Lesezeit: 5 Min
Geschrieben von Hank Zerbolesch
21.11.2025
Als ich vor ein paar Jahren in Hamburg war, auf der Reeperbahn nachts um halb eins, da machte ich einen Abstecher in den „Goldenen Handschuh“. Kurz vorher hatte ich mich am gleichnamigen Buch von Heinz Strunk versucht – und war kläglich gescheitert. Aber als Schriftsteller musste ich mir den Ort ansehen, der Inspiration für einen so erfolgreichen Roman war. Ich also rein. Und das Bier war noch nicht gezapft, da dachte ich schon: was für eine Enttäuschung. An den Tischen Touristen, an der Theke ein Junggesellenabschied, und dahinter ein Merchandise-Bereich: Pullover und T-Shirts und Tassen und Nippes, bedruckt mit dem Logo der Kneipe. Der goldene Handschuh, er war durchkommerzialisiert. Ob durch Heinz Strunk oder die Reeperbahn wusste ich nicht, aber es war eben nicht der Goldene Handschuh, den ich von Heinz Strunk kannte. Wie auch, der Roman spielt in den 1970ern – aber ich war trotzdem enttäuscht. Also trank ich mein Bier aus und ging.
Einige Jahre später in Goslar. Stundenlang hatte der Tag seine Klauen in meine Seele geschlagen, mich ausgesaugt und plattgewalzt. Ich war fertig mit dem Tag, bedient vom Leben, und wollte nur noch ein paar Bier auf den Abend kippen, in der Hoffnung, dass die Nacht mich wieder auf Null setzen würde. Und weil ich bis dahin noch nie im Bauernstübl war, das aber gleich bei mir um die Ecke lag, dachte ich: scheiß drauf, rein da, was soll schon passieren. Ich öffnete die Tür … fiel durch ein Raum-Zeit-Wurmloch und landete im Goldenen Handschuh der 1970er Jahre. Zumindest in dem, das Heinz Strunk in meinem Kopf gebaut hatte.
Hinter der Tür zum Bauernstübl musste ich erstmal Treppen hinabsteigen. Und besser lässt es sich nicht vorbereiten auf das, was dann passierte: Am Tresen saßen fünf Menschen. Vier Männer starrten in ihr Bier, während eine Frau eine Geschichte erzählte. Wovon die Geschichte handelte, das verstand ich nicht, auch weil die Musik so laut war. Die Musik war zweimal so laut wie ein startender Düsenjet, einfach weil startende Düsenjets immer der Maßstab für Lautstärke sind. Und so laut wie die Musik war, so hoch lag ihr Fröhlichkeitsfaktor, alles beide bis zum Anschlag aufgedreht. Im Vorbeigehen hielt mich die Frau auf, fest, und erzählte mir von ihrer Tochter, die komme sie gleich abholen, weil sie hat schon etwas zu viel getrunken, und würd sie jetzt nach Hause gehen, sie würd nur wieder beim Mrphdk … Marpfr … Mourpf … auf jeden Fall bei dem in der Küche, da würde sie landen, und gut wär das nicht, auf gar keinen Fall, stimmt’s? Was ich denn trink, fragte sie dann. FaKo dachte ich, Fanta Korn, im Verhältnis eins zu eins, weil ich da gedanklich schon im Goldenen Handschuh war. Denn als ich das Buch las – den Teil, den ich geschafft hatte –, da baute sich in meinem Kopf genau dieses Szenario auf, genau diese Kneipe, genau diese Menschen. Und dass hier im Bauernstübl die Schimmligen fehlten, das war kein Manko, nein, im Gegenteil, das machte mir die Kneipe bloß noch sympathischer. Schließlich wollte ich nur den Kopf ein bisschen ausknipsen, und nicht vom Sturz- in den Schmiersuff torkeln, kopfüber in die Hölle und zurück.
Die Frau neben mir (ihren Namen hab ich auch nach dem siebten Mal nicht verstanden, und ich hatte Angst, dass wenn ich sie noch einmal fragen würde, sie mich beißen würde, wirklich wahr), sie bestellte uns zwei Bier, zwei Bier und zwei Korn, sich und mir. Und dann saß ich da, eingepfercht zwischen Doornkaat-Willi und der Frau, deren Namen ich nicht kannte, und hörte mir Geschichten an, die ich nicht verstand: Irgendwer war beim Braunschweigspiel mit dem Auto vom Parkplatz, aber es war das falsche, Auto, nicht Spiel, darum war das auch nicht weiter schlimm, als der Fahrer in ein anderes Auto und so weiter. Und Glatzen-Norbert trank von seinem Bier, und Doornkaat-Willi nickte, und ich saß nur da und staunte, und mein Gehirn mischte Gefühltes mit Gesehenem und rührte alles kräftig durch. Und als am nächsten Morgen mein Wecker klingelte, waren nur noch der Schmerz in meinem Kopf und der Pelz in meinem Mund Zeuge, dass das kein Traum, sondern Realität gewesen war. Zumindest Teile davon, denn Schriftstellern traut man nie so ganz, und sie sich selbst am wenigsten. Ich wusste nicht, ob die Frau nach Hause gekommen war, ob ihre Tochter sie abgeholt hatte, ob sie überhaupt eine Tochter hat, und wer der ominöse Mrphdk war, das konnte auch nicht abschließend aufgeklärt werden. Aber in meinem Kopf, da sitzt die Frau noch immer am Tresen, schlürft aus einem großen Wasserglas FaKo im Verhältnis eins zu eins, und wartet darauf, dass die Fröhlichkeit der Musik sie infiziert wie ein hartnäckiges Virus. Dann nämlich würde sie lächeln, und am Ende sogar tanzen. Mit Doornkaat-Willi, vielleicht auch mit Glatzen-Norbert – nur nicht mit Mrphdk … Marpfr … Mourpf … Das wär nicht gut, auf gar keinen Fall.