Goslarer Kneipenguide. Teil 3: Das Märchen vom PapperlaPub

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Geschrieben von Hank Zerbolesch

05.12.2025

Es war einmal, vor langer Zeit, ein Schriftsteller. Dieser Schriftsteller, der kam in eine fremde Stadt, und tat, was er immer tat, wenn er in eine fremde Stadt kam: er spazierte durch sie hindurch. Über die Hauptstraßen, über die Seitenstraßen und durch all die kleinen Gassen, die die Haupt- und Seitenstraßen miteinander verbinden. Und als er schon dachte, er hätte alles gesehen, was es zu sehen gab (die neue Stadt war nicht sehr groß gewesen), da lief er an einem Schaufenster vorbei. Und dieses Schaufenster, das war anders, als all die anderen Schaufenster. Hier nämlich standen und saßen echte Menschen. Einige mit Handys, andere mit Gesprächsstoff, aber alle mit mindestens einem Bier vor sich. Und zwischen der lauten Frau auf der rechten, und dem leisen Mann auf der linken Seite, da klebte eine Art selbstgebasteltes Schild von innen an der Scheibe. Und auf diesem Schild stand, mit schwarzem Filz und in dicken Buchstaben: Diebels Alt. Und weil der Schriftsteller ein gebürtiger Düsseldorfer war, und weil Düsseldorf die Geburtsstadt des Altbiers ist, fühlte sich der Schriftsteller augenblicklich zurückversetzt in seine Kindheit. Er erinnerte sich, wie er mit 13 Jahren bei den großen Jungs sitzend die ersten Kronkorken von den Flaschenhälsen riss. Wie er immer zum Büdchen geschickt wurde, das Geld der großen Jungs auf das Schälchen legte und sagte: „Sieben Diebels. Aber schön kalt, klar?“ Er erinnerte sich, wie ihm die Jungs als Lohn für seine Arbeit eine Flasche Bier abgaben, und wie sie ihm sagten: „Hier, Picko. Und immer schön mit den Zähnen aufmachen.“ Und der Geschmack des Bieres, und die Loyalität der großen Jungs, diese beiden Dinge prägten die Kindheit des Schriftstellers so nachhaltig, dass er noch heute, wo immer er diesen Namen liest, Diebels Alt, sofort einkehren, und den Menschen vor Ort einen Vertrauensvorschuss geben muss. Also öffnete er die Tür und betrat das Wirtshaus. Er grüßte die Männer und Frauen am und um den Tresen herum, fragte, ob er Platz nehmen dürfe, und als ihm dies bejaht wurde, zog er den Barhocker zurück und setzt sich. Dann sah er auf die Frau hinter dem Tresen und sprach die Worte, die ihn um drei Dekaden zurückversetzten: „Sieben Diebels. Aber schön kalt, klar?“
„Wie bitte“, sagte die Frau hinter dem Tresen. Ihre Stimme war tief und ihr Körper riesig und über ihrem Kopf formierten sich dunkle Wolken zu einem finsteren Heiligenschein. Da begriff der Schriftsteller, dass er sich nicht nur in der Erinnerung, sondern auch im Ton vergriffen hatte und ruderte so schnell zurück, dass die Luftwirbel, die dabei entstanden, die finsteren Wolken über dem Kopf der Frau vertrieben: „Tschuldigung“, sagte der Schriftsteller. „War ein langer Tag. Viele Menschen. Wenig Essen. Und Durst hab ich für zehn.“
„Für sieben“, sagte der Mann, der neben dem Schriftsteller saß. Er war alt und grau, und sein Grinsen war so herzlich wie ein kleiner und buckliger und einäugiger Wissenschaftsgehilfe mit Namen Viktor.
„Entschuldigung“, sagte der Schriftsteller noch einmal. Dann bestellte er ein großes Glas Diebels und steckte sich eine Zigarette an. Denn in der fremden Stadt, da durfte in geschlossenen Räumen geraucht werden. Und das Gesetz besagt, dass wenn in geschlossenen Räumen geraucht werden darf, dass man genau das tun muss, denn tut man es nicht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es verboten wird. So war es schon immer, und so wird es immer sein.
„Bitte“, sagte die Frau hinter dem Tresen, stellte dem Schriftsteller sein Bier auf das Holz und zog einen Strich auf seinen Deckel. „Du bist nicht von hier, oder?“, fragte sie.
„Nein“, sagte der Schriftsteller.
„Und was machst du hier?“, fragte der kleine und bucklige und einäugige Wissenschaftsgehilfe mit Namen Viktor.
„Arbeiten“, sagte der Schriftsteller.
„Und was arbeitest du?“, fragte eine andere Frau am Ende des Tresens.
„Ich bin der Wortwerker“, sagte der Schriftsteller.
„Was ist das?“
„Ein Stadtschreiber.“
„Dann bist du das!“, rief der kleine und bucklige und einäugige Wissenschaftsgehilfe mit Namen Viktor. „Dich hab ich in der Zeitung gesehen, du bist der Wortwerker, richtig! Schön dich kennenzulernen, hallo. Ich bin Viktor.“
„Hallo Viktor.“
„Hört mal alle her!“, rief der kleine und bucklige und einäugige Wissenschaftsgehilfe mit Namen Viktor. „Das hier ist der Wortwerker!“ Und alle kamen sie zum Schriftsteller, gaben ihm die Hand, hießen ihn willkommen und fragten, was er denn zu seinem Bier trinken wolle. „Nichts“, sagte er, „danke.“ Doch als sich die Wolken über dem Kopf der Frau hinter dem Tresen wieder verfinsterten, da entsann sich der Schriftsteller eines Besseren und sagte: „Sliwowitz.“ Und die Frau hinter dem Tresen, sie schenkte den Schnaps in kleine Gläser, verteilte sie an die Menschen und drehte die Musik auf. Und alle unterhielten sie sich über ihre Reisen und über ihre Erfahrungen an und mit der Welt. Sie stritten über Politik und Fußball, und an manchen Abenden, wenn niemand mehr so genau hinsah, da weinten sie stille Tränen der Wehmut und Verzweiflung in ihre Gläser, stürzten sie hinunter und spülten mit Schnaps nach, auf dass alles finstere und schlechte aus der Welt getilgt sei, während die Musik aus den Lautsprechern das Wirtshaus flutete. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann singen sie noch heute: „Die Taschen sind leer, doch das Bier ist bestellt, Durst ist schlimmer als Heimweh, was kostet die Welt.