Halt aus!

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Geschrieben von Hank Zerbolesch

02.10.2025

Es ist spät abends. Ich sitze auf einer der Bänke vor dem Kloster, rauche, trinke, hör das das neue Album von Whiskey Myers, seh mich um und denke: Das gehört alles dir. So Gedanken hat man unweigerlich, wenn man hier sitzt. Allein im Dunkeln. Ab und zu ziehen ein paar Touristen vorbei, erzählen sich, wie schön das hier nicht ist alles, und die Frauen vorneweg schimpfen auf die Jungs, die mir gegenüber vor der Deutschen Bank hocken und auf den Boden rotzen, während die Männer der Frauen hinter ihnen das gleiche tun. Aber sonst ist da nichts. Und dieses Nichts, das ist genau das, was ich gerade brauche. Das lässt den Kopf kreisen. Lösungen für Probleme nämlich, die finden sich nicht, indem man wie ein Besessener die ganze Zeit auf ihnen rumkaut, sondern indem man das Problem erkennt … und dann nichts macht. Sich langweilt. So ist das. Dann erst kann der Kopf an Lösungen arbeiten. Und weil ich gerade das eine oder andere andere Problem mit mir rumtrage, mach ich genau das: rauchen, trinken, Musik hören, den Kopf kreisen lassen und mich fragen, warum mir eigentlich jetzt erst auffällt, dass in den richtig guten Serien die Bösen immer die konservativen sind? Warum ist das so? Warum sind immer die, die wollen, dass alles so bleibt wie es ist, warum sind das immer mindestens die Antihelden? Oder gleich die richtigen Bad Guys? Sons of Anarchy, Yellowstone – sogar Dr. House versucht mit allen Mitteln am Status Quo festzuhalten. Ist Konservativ das neue Progressiv? Und das Schlüssel Alt hier neben mir, schmeckt das nur so gut, weil ich damit aufgewachsen bin? Wieso rauchen all die Leute – mich eingeschlossen – noch, wenn doch klar ist, dass wir dann alle früher sterbe? Warum heißt das Ding da oben Kaiserpfalz? Wo doch hier der Harz ist? Und warum liegt kurz davor eine Königsbrücke? Ist das so ne Art royales Anlaufnehmen? Und wer verdammt war Voi Voi Davik? (Keiner weiß das!) Und mitten in den Gedanken hinein platzt ein Mann, uralt, stellt sich vor mich, zeigt mit nacktem Finger auf mich und ruft, so laut wie es nur Leute mit kaputtem Hörgerät tun: „Was soll die Sonnenbrille, es ist dunkel!“ – „Das ist die Hoffnung“, sage ich und trinke mein Bier aus. „Auf Sonne nach 22 Uhr, oder was?“, fragt der alte Mann. „Auf das Licht“, sage ich. Der alte Mann lacht so laut wie er redet, hustet und geht kopfschüttelnd weiter. „Was gibt’s da zu lachen!“, rufe ich und denke, dass der sich noch umgucken wird. Dass der das Licht noch nicht gesehen hat, das grenzt ja an ein Wunder. „Geh ins Licht!“, schrei ich ihm hinterher und er winkt nur ab und ich frage mich, ob ich vielleicht nachhelfen soll, bei den öffentlichen Toiletten am Markt, da ist nämlich so ein Brunnen, wenn man da wen hineinwirft, dann … Quatschgedanke. Lieber weiter Musik hören. John Frusciante jetzt. „Before the Beginning“. Bis zum Anschlag aufgedreht. Zehnminütige Gitarrensoli sind schon harte männliche Angeberkisten – aber emotional sind die wie so ein Kerker, in den man sich immer einschließen kann, wenn man mal wieder was fühlen will. Muss ich nicht grad, wieder was fühlen, is aber trotzdem ein richtig guter Song. Krass auch, dass man alles, was Musik ist, einen Song nennt. Da sitzt dann Eric Clapton gleich neben Andrea Berg, Frechheit sowas. Schreibt Andrea Berg ihre Songs eigentlich selber? Kurze Recherche: nein. Aber das heißt nix, hat Joe Cocker auch nicht – aber der ist wenigstens an den Spätfolgen des Rock’n’Roll gestorben. Und Andrea Berg? Kurze Recherche: die lebt noch. Und sieht mit 59 besser aus als Joe Cocker auf der Woodstock-Bühne. (Und da war der 25!) Also so ernst kann die das ja nicht meinen mit der Kunst. Apropos, mein Bier ist leer. Und die Jungs gegenüber … was gucken die denn so blöde? „Noch nie wen gesehen, der auf ner Bank sitzt?“, rufe ich. „WAS?“, ruft einer zurück. „WAS!“, ruf ich. Dann kommt er rüber, der größte der kleinsten, und schreit mir ins Gesicht, so höflich wie er kann: „Entschuldigung! Ich hab Sie nicht verstanden! Ihre Musik ist so laut!“ Ich mache meine Boombox leiser und frage noch einmal: „Was!“ – „Der Song“, sagt er. „Wer ist das?“ – „John Frusciante“, sage ich. „Cool“, nuschelt der Typ, aber sein Gesicht sagt: Keine Ahnung wer das ist, John irgendwer, aber der kann unmöglich fertiger sein als du gerade. Aber da kennt er John Frusciante nicht und weiß auch nicht um all das Elend und all die Schwärze, der man sich als Künstler so aussetzt, um die richtig tiefen Dinge zu erschaffen, denke ich und merke, wie ich wieder irgendwo falsch abgebogen bin, denn von Himmelhochjauchzend bin ich plötzlich abgesackt ins tiefe Dunkel. Aber Gott sei Dank gibt es Moses Pelham, der zieht mich wieder raus. „L’achhaim Habibi“, sage ich, trinke mein Bier aus und frag den größten der kleinsten nach einer Kippe. Hat er nicht. Die Jugend von heute, denk ich und mach Moses an und dreh voll auf. „Halt aus!“, ruft er. Morgen ist ein neuer Tag.