Was ich der Wortwerkerin / dem Wortwerker schon immer sagen wollte
I got ninety-nine problems, but the police ain't one
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Geschrieben von Hank Zerbolesch
26.08.2025
Besoffene sind wie kleine Kinder: wenn sie auf die Schnauze kriegen, rufen sie gleich nach der Polizei. Nur in Goslar nicht, denn hier gibt’s keine. Polizei.
Es ist 23:12 Uhr. Ich laufe durch die Innenstadt. Durch eine dunkle Gasse. Und in vielen anderen Städten ist das so, dass mir nachts beim Gang durch dunkle Gassen die Nackenhaare hochschießen. Die ganze Zeit bin ich dann im Angriffsmodus. Das ist wie eine Kampf-oder-Flucht-Reaktion – nur ohne Flucht.
Als Schriftsteller (und auch schon lange Zeit davor) hab ich ein ausgeprägtes Vorstellungsvermögen. Wenn ich zum Beispiel in einem Flugzeug sitze. Und ich die Augen schließe. Dann kann ich sehen, wie der Flieger die Nase senkt und in einem Höllentempo in Richtung Erde schießt. Ich höre, wie die Leute um mich herum zu schreien anfangen, zu kreischen, zu weinen, und die Frau in der zweiten Reihe links, die gibt ihrem Mann eine schallende Ohrfeige und brüllt ihn an, dass sie die Sache mit Elke, dass sie das nie vergessen hat und auch nie vergessen wird, und dass sie seit zwei Jahren schon was mit ihrem Chef hat, so. Und dann kracht der Flieger – es ist eine Boeing 737 – in den Atlantik. All das kann ich sehen, hören, fühlen. Und dieses Vorstellungsvermögen, das ist äußerst flexibel, das passt sich hervorragend an jede mögliche Situation an. Und was es – abgesehen von Transatlantikflügen – auch ganz besonders gut kann, ist das Ausmalen von Angriffssituationen in dunklen Gassen. Nur in Goslar nicht.
Und aus diesem Setting heraus spanne ich jetzt den Bogen zurück zum Anfang und lande bei der Frage: Goslar. Wo ist eure Polizei? Gibt es die hier überhaupt? Die Polizei? Sheriffs? Cops? Bullen? Ordnungshüter? Streiter für Recht und Ordnung? Oder lohnt sich das nicht? Für die zwei Ruhestörungen im Jahr? Ist das hier die Stadt mit Milch und Honig? Das Äquivalent zu Sin City? Bullerbü? Denn ganz ehrlich, hier in Goslar – und ich hab jetzt hier schon ein bisschen was an Fläche erlaufen –, da ist nichts. Keine Fußstreifen, keine Doppelstreifen, kein Peterwagen, kein Bullen-Bulli, nicht mal eine Fahrradstreife hab ich gesehen. Braucht ihr die nicht? Ist eure Kriminalitätsrate so überschaubar? Gibt es hier überhaupt eine? Und wenn ja: gibt’s da ne Statistik zu?
Ich hab das mal recherchiert, und was soll ich sagen: die gibt es tatsächlich. Und im Landkreis Goslar sah das für 2024 folgendermaßen aus:
- Straftaten gesamt: 8.456 Fälle. (Das ist ein Rückgang um 921 Fälle im Vergleich zu 2023.)
- Aufklärungsquote: 64,97 %. (Das zweitbeste Ergebnis der letzten zehn Jahre!)
- Häufigkeitszahl: 6.288, Taten je 100 000 Einwohner. (Was deutlich unter dem Landesdurchschnitt Niedersachsens liegt.)
Und weil wir gerade dabei sind, hier noch eine kleine Deliktauswahl im Detail:
- Delikte gegen das Leben: insgesamt 10 Taten (3 Tötungsversuche, kein vollendeter Mord).
- Rohheitsdelikte wie Raub, Bedrohung oder Körperverletzung: Leichter Rückgang insgesamt (von 1.831 auf 1.767), aber Anstieg bei Bedrohungen (+60) (Wobei Bedrohungen ein sehr subjektives Szenario sind, Anm. d. Red.). Körperverletzungen sanken um 98 Fälle auf 736.
- Straßenkriminalität: Robust niedrig – von 1.711 im Jahr 2015 auf 1.188 in 2024.
So. Und jetzt kommen wir zu meinem Lieblingsbereich: falsche Polizeibeamte. Da gab es 2024 mehr Versuche als im Vorjahr, aber nur 7 vollendete Taten. Und die Frage, die sich mir da stellt, ist die: wie unterscheidet man in Goslar die falschen von den echten Polizisten? Wo es doch gar keine echten gibt hier? Oder hab ich nur noch keine gesehen? Wo seid ihr? Sitzt ihr vielleicht in Zivil in den Cafés und beobachtet alles? Gibt es hier Polizisten oder Polizistinnen? Bist du eine? Oder einer? Polizist? Sheriff? Cop? Ordnungshüter? Weil wenn ja, meld dich doch mal. Ich würde wirklich gerne wissen, wie das hier so läuft.
PS. Quelle zur Statistik ist hier: https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/56518/5996072