Letzte Worte

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Geschrieben von Hank Zerbolesch

12.12.2025

In der Literatur gibt es kaum feste Vorgaben. Ein paar wenige beziehen sich auf das Erzählen von Geschichten und auf die Art und Weise, wie man das umsetzt, aber in der Regel baut sich da jeder und jede seinen ganz eigenen Workflow. Und über die letzten ein bisschen mehr als zehn Jahre, hat sich bei mir eine ganz simple Arbeitsweise etabliert: leben, lieben, leiden, schreiben. So lässt sich das, was ich mache, am besten zusammenfassen. Und ja, das klingt ein bisschen pathetisch, ich weiß, aber runtergebrochen ist das mein Kern. Ist es das, was ich bin. Melancholisch, halbstark, und manchmal auch knietief im Pathos.

Aber jetzt kennt ihr bestimmt alle die Diskrepanz zwischen dem, was man will, und dem, was man kriegt. Ich will in Ruhe schreiben. Das, was ich in leben, lieben, leiden gesehen und gefühlt hab, in eine Form gießen. Aber in der Regel lässt so ein Leben das nicht zu. Der Alltag frisst seine Kinder, so ist das, immer wieder.

Ich hab inzwischen Mittel und Wege gefunden, mir meinen Raum zum Schreiben einfach zu nehmen. Aber genau so läuft das halt auch: Man muss sich das einfach nehmen. Keiner schenkt dir was. Wenn du was willst, musst du’s dir nehmen. Das ist kein Spruch aus irgendeinem Egoistenhandbuch, das ist ein Plakat, das Zuhause in Wuppertal über meinem Schreibtisch hängt: Keiner schenkt dir was. Wenn du was willst, musst du’s dir nehmen.

Was ich damit meine: Ich weiß nicht, ob diese Eigenschaft von Natur aus zu mir als Mensch gehört, oder ob ich die als Schriftsteller nur weiter verfeinert hab, aber die Fähigkeit zur Empathie, die ist bei mir sehr stark ausgebaut. Wenn dein Leben scheiße läuft. Dein Chef dir unerfüllbare Dinge aufgebrummt hat, deine Mitarbeiter alle gleichzeitig in Urlaub sind, wenn deine Kinder schwer krank sind oder du nicht weißt, wie du deine Rechnungen zahlen sollst, egal. Wenn wir zwei uns dann unterhalten. Dann kannst du darüber hinweg grinsen wie du willst. Ich kann fühlen, wenn da irgendwas ist, das dir das Leben versaut. Und vielleicht kennt ihr das, wenn man dann versucht, ein Gegengewicht herzustellen. Wenn jemand traurig ist, versucht man, ihn zum Lachen zu bringen. Wenn jemand wütend ist und rumschreit, wird man leise und nimmt sich zurück. Um alles wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Und wenn man jetzt mit so einer ausgeprägten Empathie ausgestattet ist, so wie ich, dann fühlt man all diese Dinge der Menschen – ohne dass die das nach außen tragen müssen. Und ich versuche dann, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Und eigentlich ist das ein guter, positiver, optimistischer Move, aber

Wenn die Leute einmal raus haben, dass du die Person bist, die hilft, dann bist du das immer. Mit jedem Scheiß kommen die. Und natürlich mach ich das dann. Weil ich fühlen kann, wie es der anderen Person geht, dass die Hilfe braucht. Aber genau so, auf diese Art und Weise, kommt im Alltag meine eigene Arbeit häufig unter die Räder. Und damit das nicht passiert. Damit ich nicht immer anderer Leute Probleme zu meinen eigenen mache. Dafür hängt da dieses Plakat: Keiner schenkt dir was. Wenn du was willst, musst du’s dir nehmen.

Und dieses Plakat. Das hab ich hier nicht gebraucht. Es gab Tage, da musste ich das aus meiner Erinnerung holen, aber das war in einem Maß, das zwischenmenschlich normal ist. Man ist ja keine Insel. Und das Prinzip von leben, lieben, leiden, schreiben umfasst ja in der Definition schon andere Menschen. Für Konflikte, die der Grundstoff jeder guten Geschichte sind, braucht es immer mindestens zwei, besser drei Menschen. Und ja, innere Konflikte gibt es auch, aber es gibt wenig Langweiligeres, als jemandem zuzuhören, der auf hunderten Seiten von seinen Gedanken zu etwas erzählt. Darum braucht es Menschen. In einem gesunden Maß. In einem für mich gesunden Maß. Und im regulären Alltag hab ich das nicht. Dieses Maß. Im regulären Alltag steh ich auf, mach mir einen Kaffee, setz mich an den Schreibtisch und gucke, dass ich zwei drei Stunden schreiben kann. Und dann, danach, passiert in der Regel das, was ich eben erzählte.

Und als ich hierher kam, behielt ich diese Arbeitsweise bei. Aufstehen, Kaffee, hinsetzen, schreiben. Der Punkt aber war, dass hier danach plötzlich Raum war. Die zwei drei Stunden waren um … und jetzt?

Und dann passierte etwas, dass ich so nur aus Geschichten von Kollegen kannte: Die Kunst nahm sich Raum. Meine Arbeit wuchs aus. Ich verließ den Schreibtisch, erkundete die Stadt, traf Menschen, und plötzlich fing mein Kopf an, auch abseits des Schreibtischs aktiv an dem zu arbeiten, woran ich morgens schrieb. Mein Kopf verknüpfte Dinge, die ich sah, mit den Dingen, die ich schrieb. Er löste Probleme, für die ich in der Regel Wochen gebraucht hätte, im Stundentakt. Und manchmal kam ich mit dem Notieren gar nicht hinterher, und die eine oder andere Idee oder Lösung war genauso schnell wieder weg, wie sie gekommen war. Aber so ist das, Ideen sind flüchtig. Und wenn man nicht zupackt, schnappt sie sich jemand anderes. Aber bei der Intensität, mit der die hier auf mich eingeprasselt sind, war so ein bisschen Reibungsverlust nicht weiter schlimm.

Und diesen Raum, den mir das Stipendium gegeben hat, den galt es zu nutzen. Und das mein ich nicht als Floskel, das war wirklich mein Gedanke, jeden Tag: „Du bist jetzt hier um zu arbeiten. Setz dich hin und schreib, oder geh raus und mach was. Entdecke, rede, fühle, such dir was und schmeiß dich rein. Und vergiss nicht, alles aufzuschreiben.“ Das hab ich getan. Ich hab viel gemacht hier. Und nicht nur geschrieben. Ich hab Vieles gesammelt und eingetütet. Ideen. Gefühle. Konzepte. Gespräche. Weil ich hier den Raum hatte, all das zu tun. Und ich kann euch jetzt schon sagen, dass das, was ich hier erlebt und entdeckt und erfühlt hab, dass das meine Arbeit nachhaltig geprägt hat. Ich konnte hinter den Vorhang gucken. Konnte sehen, wie so ein Leben läuft, wenn da nur die Kunst ist. Und ich kann euch sagen: Weniger anstrengend ist das nicht. Auf gar keinen Fall. Ich mach trotzdem anderer Leute Probleme zu meinen eigenen. Aber wisst ihr, auf eine gute Art. Auf eine selbstbestimmte. Ich mache das, weil ich das so will. Und dass das ein gutes Grundgefühl für ein Leben ist, das könnt ihr glaub ich alle nachfühlen.

Was ich hier gelernt habe. Und was ich, abseits all der Erinnerungen und Gefühle mitnehme, ist, dass der Weg, den ich in der Vergangenheit einmal gewählt hab – ich werde Schriftsteller –, dass dieser Weg noch immer der richtige ist. Das bedeutet: Ich verdanke euch nicht nur, dass ich meine Arbeit beenden, und eine neue beginnen konnte. Ich verdanke euch auch die Erkenntnis, dass das, was ich mache, noch immer das Richtige, das einzig Richtige für mich ist. Denn häufig ist es doch so, dass der Alltag die freie Entscheidung frisst. Dass man Dinge irgendwann nur noch macht, weil man das schon immer so gemacht hat. Man bekommt nicht mit, dass man Berufe, die man mal geliebt hat, oder die man zumindest gerne gemacht hat, dass man inzwischen eigentlich gar keinen Bock mehr darauf hat.

Dass das bei mir nicht so ist. Mehr noch, dass sich das, was ich entschieden habe zu tun und zu sein, dass sich das eher noch zugespitzt hat, diese Erkenntnis verdanke ich auch euch. Und für mich ist diese Erkenntnis noch wichtiger als ein beendeter oder ein neu begonnener Roman. Denn dieser Punkt entscheidet, ob mein zukünftiges Leben ein gutes, ein optimistisches und positives, oder eben ein unzufriedenes Scheißleben wird. Darum möchte ich meine letzten Worte an die Hortensien richten. An Jutta Schober, Heidi Roch, Sabine Rieckhoff, Sigrid Carsjens, Gabriele Radeck-Jördens, Silke Duda-Koch, Dorothee Prüssner, Anja Mertelsmann, Florian Alff, Heike Lawin und Sabine Fontheim. Aber auch an alle indirekt Beteiligten: An Marleen Mützlaff, Jone Zhitia, und auch an die Volksbank – die einen großen Haufen Geld auf dieses Stipendium geschmissen haben. Danke, dass ihr alle mir die Möglichkeit gegeben habt, zu arbeiten, zu reflektieren, und als Künstler, und auch als Mensch, zu wachsen. Und dass ihr aus meiner Zukunft auf diese Art eine gute Zukunft gemacht habt.

Danke.

Tschüss.

 

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