Mein buntes Goslar

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Geschrieben von Hank Zerbolesch

14.11.2025

Der Sommer ist noch nicht ganz aus der Tür, und der Herbst noch nicht mal zu Ende vermarktet, da putzt sich die Stadt schon für den Winter raus. Die ersten Goslar-Logo-Weihnachtslichterketten hängen, nur die Spekulatius-Hersteller waren schneller diesmal. Und selbst der Wetterbericht ist vorbereitet: er zeigt Schnee. Für nächste Woche, aber ab einem gewissen Alter fliegt die Zeit bekanntlich, also ab morgen quasi richtig Schnee. Mit Null Grad und einem Schneeflocke-Icon in der Wetter-App. So richtig zum Abgewöhnen. Ach ja, und die Sonne geht inzwischen erst nach dem dritten Kaffee auf – noch 37 Tage bis zur Wintersonnenwende, dem kürzesten Tag des Jahres.

Aber nicht nur Goslar bereitet sich vor, auch ich fang im Kopf schon an die Koffer zu packen. Meine Zeit hier ist begrenzt. Und wie das so ist mit Dingen, die eine Frist haben: zum Ende hin bricht Hektik aus. Dieses wollte ich unbedingt noch machen, jenes auch, dem hast du dies versprochen, der jenes, und ehe man sich versieht, hat man einen Terminkalender wie Sebastian Fitzek, wenn der seinen neuen Psychothriller veröffentlicht. Aber Stress ist mein zweiter Vorname, und wenn man nur genug Kaffee trinkt, lässt sich das Herzrasen immer auf das Koffein schieben.

So vieles ist da noch, das ich machen wollte. Zum Beispiel bin ich schon gefühlt achtzig Mal am Dartclub DC Adler vorbeigegangen, und jedes Mal hab ich gedacht: Irgendwann musst du dir das ansehen. Oder erstmal mehr über sie rauskriegen. Was ist das für ein Club? Wie kommt das Adler in den Namen? Und warum haben die ein eigenes Ladenlokal, in dem nichts steht, außer ein paar Dartscheiben? Ist das vielleicht einer dieser dubiosen Geldwäscheläden? Sind Dartclubs die neuen Motorrad Clubs, und keiner hat’s mitgekriegt?

Eine andere Frage, die mir mindestens genauso oft den Finger in die Seite gestochen hat, war die des Bürgerkunstwettbewerbs „Mein buntes Goslar“. Da sind, an der Unterführung neben dem Bahnhof, ein paar Wände. Nackte Wände einfach. Grau beige gestrichen. Und auf diesen Wänden, da steht, sinngemäß: Wenn du hier dein Kunstwerk sprayen willst, bewirb dich bei uns. Und daneben dann ein QR-Code oder eine Webadresse. Und die Frage, die sich mir jedes mal stellt, wenn ich da langlaufe, ist: Wer bitte reicht bei der Stadt eine Idee für ein Bild ein, das er oder sie auf die Wand sprayen will … wenn man das einfach auf die Wand sprühen kann! Es ist Winter, um 14 Uhr geht die Sonne unter. Wenn ich da sprühen will, schmeiß ich meine Spraydosen in den Rucksack und leg los.

Dann wollte ich euch auch noch von Jörg Kaspert erzählen. Dem Mann, der quasi im Alleingang das Harzer Panorama mit Inhalten versorgt. Jeder Artikel, den ihr Sonntags zum Frühstück zwischen all den Werbeprospekten finden könnt, jeder Kommentar und jede Glosse (und hoffentlich nicht die Leserbriefe), hat Jörg Kaspert geschrieben. Wirklich, es gibt niemanden, der die Stadt besser kennt, als Jörg. Wenn ihr Fragen zu Goslar habt, der Mann weiß alles. Oder kennt die entsprechenden Leute, hat sie schonmal interviewt oder über sie geschrieben. Ich kenn das Prinzip Werbeplattform-Wochenzeitung aus anderen Städten, und ich kann euch sagen: das Ding alleine zu befüllen, jede Woche aufs neue, das ist eine Aufgabe, da würden die Meisten von uns nach ein paar Wochen den Hammer fallen lassen und laut fluchend nach Hause gehen.

Ich wollte über die Montagsdemos herziehen, euch von den Trinkern erzählen, die, mutig wie sie sind, immer genau gegen den Stromverteilerkasten pinkeln, und ich wollte mir das mit dem Leerstand in der Altstadt einmal genauer ansehen. Aber auf einmal bricht mein letzter Monat an, die Hektik aus, und mein Terminkalender hat große Ähnlichkeit mit Friedrichs Merz’ E-Mail Eingang, nachdem der wieder irgendwas dummes gesagt hat. Aber vielleicht habt ihr ja Lust, mir vom Dartclub zu erzählen. Oder wer genau die Idee mit dem Bürger-Spray-Wettbewerb hatte. Oder wie man ein blankes Kabel aus einem Stromverteilerkasten gelegt kriegt. Dann könnt ihr das auf einer meiner Veranstaltungen machen, die da kommen jetzt. Bei der Lesung mit meinem Freund Dirk Schmidt im Wintersaal, zum Beispiel. Oder beim Charles-Bukowski-Gedenkabend im Brauhaus. Oder auf meiner allerletzten Abschlussveranstaltung. Ich würde mich freuen. Und bis dahin stell ich mir weiter vor, wie das wohl war, als bei der Stadt die Idee des Bürgerkunstwettbewerbs entstand.

Junge Junge Junge …