Beate Jäger - Ich sitze im Wald

Geschätzte Lesezeit: 3 Min

Geschrieben von alex (designoffice)

Beate Jäger - Ich sitze im Wald

Ich sitze im Wald. Es ist warm und still. Sonnenlicht dringt durch das Blätterdach. Ich nehme die Umgebung vor mir wahr. Mein Blick heftet sich an einen Stein.

Ein Stein – er ragt aus dem Boden. Ein Splitter eines Felsens. Im Untergrund verbunden mit einer großen Felsmasse. Gegründet in der Erdkruste.

Massiv erscheint er mir. Undurchdringlich, felsenfest, stabil. Und doch fußt er auf einer dünnen Scholle, die träge zwar, aber ständig in Bewegung ist. Bewegt durch die Ströme der Lava, die im Erdmantel auf und ab kreisen, wie das Blut, das durch meine Adern gepumpt wird. Geboren aus der Lava, emporgehoben, zusammengeschoben, erkaltet in längeren Zeiträumen, als ich mir vorstellen mag. Auch ist er geschliffen worden durch Wind, Wasser, Frost und Eismassen. Nun ragt er, von moosigen Kragen umhüllt, aus dem Erdreich. Alt ist er, faltig und von Furchen durchzogen. Splitter lösen sich bereits ab, mürbe und porös. Auf seiner Oberfläche haben sich Flechten und Moosinseln angesiedelt und überziehen ihn mit grünlichem Schimmer.

Ich erinnere mich an meine Kindertage. Auf Sonntagsspaziergängen durch den noch gesunden Fichtenwald habe ich mir immer vorgestellt, dass solche moosigen Felsen bewohnt seien von kleinen Wichteln, so wie in meinem heißgeliebten Bilderbuch „Hänschen im Blaubeerwald“. Als Erwachsene wurden diese Vorstellungen erweitert bei der Lektüre von Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“.

Was kann mir der Stein noch erzählen – von seinen Wunden vielleicht?

Hat es ihn berührt, dass sich junge Bäume auf ihm angesiedelt haben und ihre Wurzeln in seine feinen Spalten vorgedrungen sind und so den Bäumen Halt gegeben haben? Hat es ihn geschädigt, wenn Dachse und Füchse sich in seinen Spalten und Höhlen eingerichtet haben, um dort ihre Kinder groß zu ziehen?

Sie haben an seiner Oberfläche geknabbert. Tief im Inneren musste der Berg ganz andere Abenteurer ertragen, die, mit Hacken bewaffnet, sich Zentimeter um Zentimeter in sein Inneres vorgearbeitet haben, um dort erkaltete metallhaltige Erzgänge heraus zu schlagen. Sie haben sich vertikal und horizontal vorgearbeitet, Feuer im Innern entzündet, damit das Gestein sich leichter löst. Später haben sie das mit Einsatz von Presslufthammer und Dynamit getan.

Nun herrscht Ruhe im Inneren des Felsens. Vermeintlich. Unter den Augen und in den Ohren des menschlichen Betrachters. Die Felsmasse ist durchlöchert und mit Wasser teilweise vollgelaufen. Ein großes Loch an der Oberfläche haben sie mit Bauschutt verfüllt, also ein Pflaster auf die Wunde geklebt. Der Gipfel des Felsens lässt allerdings erkennen, dass etwas in Bewegung ist und ist dort für menschliche Besucher gesperrt.

Zurück