Christina Winter - Bestandsaufnahme

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Geschrieben von Admin

Christina Winter - Bestandsaufnahme

Mathew Oldenbourg – nie gehört. Philosoph. Die Theorie der drei Orte: 1. Ort, 2. Ort und 3. Ort – hä? – Was denkst du, lieber Leser, darüber? Fällt dir dazu etwas ein?

Vielleicht so im Stil von: Ich – Es – Über-Ich. Oder: die 3-Einigkeit. Oder: Körper – Seele – Geist. Oder...?

Ja, im Stil von … schon aber eigentlich ganz anders, realer, näher an mir und dir dran. Also ganz kurz gesagt: 3 Orte. Der 1. Ort sei zuhause – der 2. Ort sei auf der Arbeit und der 3. Ort … (wo immer du willst, geträumt, real, hier oder anderswo…)

Sollte ich vielleicht erst im Internet recherchieren, was Mr. Oldenbourg sich tatsächlich darunter vorstellt? Nein, lieber nicht. Die Ideen zum 3. Ort sprudeln jetzt schon. Eine definitorisch korrekte Eingrenzung bringt diese Quelle sicherlich zum Versiegen. Lassen wir sie also weiter sprudeln:

Mein 1. Ort steht direkt vor meinen Augen. Ich erlebe ihn jeden Tag. Ein heimeliges, Geborgenheit, Unterstützung und Freude spendendes Zuhause. Ich könnte behaupten – und tue das auch – er könnte nicht besser sein. Sonst täte es schon weh.

Aber: hat jeder Mensch solch einen 1. Ort? Ich fürchte: nein.

Viele Jahre lang habe ich an meinem 2. Ort Anerkennung bekommen, Lob, dort wurde ich gebraucht, bekam Zuneigung geschenkt, habe aber auch die Kehrseite zu spüren bekommen: Abneigung, Ablehnung, Zurechtweisung, Verletzung, böse Nachrede, … und wenn ich nicht mehr funktioniert habe, weil ich seelisch oder körperlich krank wurde, bin ich zeitweise oder gänzlich von diesem Ort ausgeschlossen worden. Wenn mir „das Leben übel mitgespielt hat“ hat mich dieser Ort im Stich gelassen. Die Kehr- und Schattenseiten des Lebens werden hier in aller Regel nicht aufgefangen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, was geschehen wäre, wenn mir in diesen Lebenssituationen mein 1. Ort nicht zur Seite gestanden hätte. Am Schluss wurde es täglich schwerer diesen Ort aufzusuchen, die Nachteile überwogen mehr und mehr und mit 65 Jahren habe ich meinem 2. Ort mit Erleichterung den Rücken gekehrt. Jetzt lebe ich nur noch an zwei Orten: dem 1. und 3. Ort. Ob das wohl reicht?

Aber: hat denn jeder Mensch solch einen 2. Ort?  Auch hier: nein.

Ja, natürlich habe ich auch Menschen kennen gelernt, die in Ermangelung ihres 1. Ortes ihren 2. Ort als ihr Ersatz-Zuhause ausgebaut haben und weit über die 65 Jahre hinaus hier ihre Erfüllung gesucht und gefunden haben. Aber: auch diese Menschen leben im besseren Fall nur an zwei Orten: dem 2. und 3. Ort, im schlechteren Fall nur an einem Ort, dem 2.

Mein 3. Ort: Krummenau. Ursprünglich wollte ich nur über diesen Ort schreiben. Was er mir bedeutet. Warum ich gerade jetzt immer häufiger an ihn denke und mich nach ihm sehne. Und ihn vielleicht doch nie mehr sehen werde.

Gibt es Menschen, die weder ein Zuhause, noch eine Arbeit haben und denen nur der 3. Ort bleibt? Möchte ich über dieses Leben schreiben? Nein. Wie ist das, wenn ich keinen 1. Ort, keinen 2. Ort habe? Keinen Ort in der realen Welt habe? Was bedeutet das? Nein, darüber will ich nicht nachdenken. Das macht mir Angst.

Verkrieche ich mich an den 3. Ort, wenn ich den 1. und 2. nicht ertragen kann?

Wer nur an seinem 3. Ort lebt, lebt der überhaupt? Träumt der nicht nur? Und wenn er in der Wirklichkeit dann doch einmal aufwacht? Wie weh muss das tun? Jedes Mal ein bisschen mehr.

Jetzt habe ich meinen 3. Ort völlig aus den Augen verloren und bin ich in den Überlegungen zu den möglichen Varianten stecken geblieben, die das Leben an den 3 Orten für mich und dich bereit hält - oder auch nicht oder nicht mehr. Im enger werdenden Raum, der mir bleibt: eingeschränkt durch körperliche Un-Beweglichkeit, Ängste, geistige Erstarrung; das zeitliche Näherkommen meines Lebensendes; der Abschied von Menschen, die ich liebe; die kleine Wohnung – das Zimmer, in das ich vielleicht umziehen muss; und all das von dem ich jetzt noch keine Ahnung habe. Wie viel Lebensraum bleibt mir dann noch übrig?

Reichen mir die zwei Orte, an denen ich mich zur Zeit aufhalte, der 1. und 3.? Oder wird mir zukünftig der eine Ort reichen, der 3. Ort. Füllt er mich aus? Wie werde ich mit dem abnehmenden Raum, mit den geringeren Möglichkeiten fertig, wenn ich vorher alle drei Orte hatte,  jetzt aber nur zwei oder zukünftig nur einen?

Könnte eine aktuelle Bestandsaufnahme hilfreich sein, um meinen Lebensraum wieder zu erweitern? Einen bereits geschlossenen Ort mit neuen Inhalten füllen und wieder öffnen? Mit den schwindenden körperlichen, geistigen und finanziellen Möglichkeiten, die mir aktuell zur Verfügung stehen. Ein Haustier? Eine soziale Verpflichtung, ein Engagement, wo man mich braucht, ein Beitritt in einen Verein, eine Partei …? Besuche im Kino, Theater, Konzert? Reisen? Klavierspielen oder Klöppeln erlernen? Alten Freunden wieder Leben einhauchen? Was ich immer schon mal tun wollte – tun!

Und wie geht es dir? In welcher der 8 (9) Kombinationen findest du dich wieder?

Welcher Ort findet bei dir nicht statt? Und welcher beansprucht dich über alle Maßen?

Ist dieses Ungleichgewicht nur eine vorübergehende Phase? Willst – Kannst – Musst du etwas daran ändern? …

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