Nach Oker

Auch wenn die Bundestraße B498 ihren Reiz versprüht - heute wähle ich einen anderen Weg nach Oker. Es geht durch Wiesen und Wälder, Pilzgründe und einen Flugplatz.

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Geschrieben von Armin Wühle

Mein Fitnessstudio liegt in Oker - neben meinen täglichen Spaziergängen durch die Altstadt, über den Georgenberg und zu EDEKA, fahre ich also regelmäßig nach Oker. Der schnellste Weg führt über die B498, vorbei an McDonald's und Autowaschanlage. Der weitaus schönere (und längere) Weg führt über den Bollrich durch Wiesen und Wälder. Und weil heute ein warmer Oktobertag ist und ich nichts vorhabe, wähle ich diese Strecke.

Auch wenn Oker zu Goslar gehört - augenfällig ist diese Verbindung nicht. Man muss die Strecke bewusst auf sich nehmen, um von der Kaiserstadt ins Bergleutedörfchen oder andersrum zu kommen; niemand schlendert die vier Kilometer einfach mal so.

Aber erstmal zurück zur Route: Durch die Goslarer Altstadt geht es für mich zum Siemensviertel hoch. Das bedeutet erstmal: schieben und schwitzen, bevor es über den Dörpkestieg bergab geht. Es ist ein sonniger Herbsttag und der Fahrtwind schlägt mir entgegen.

Immer tiefer geht es hinein in die Natur, auf gekiesten Pfaden, die immer schmaler werden. Die Route nach Oker ist nicht gerade intuitiv. Mit einer Hand halte ich den Fahrradlenker, mit der anderen bediene ich Google Maps - das ist gar nicht so leicht (aber als "digital native" ist man ja allerlei gewohnt).

Ich komme an eine stillgelegte Bahnstrecke. Das Unkraut wächst scheinbar seit Jahren zwischen den Gleisen. Ich stelle mein Rad ab und wandle die Strecke entlang. Der Anblick strahlt eine Vergänglichkeit aus, die mich berührt. Ich muss an den Film "Stand by me" denken und an die mittlerweile legendäre Szene, in der die Jungs über eine Zugbrücke spazieren und inmitten der Brücke von einer anrückenden Dampflok überrascht werden. Sie können nirgendwohin ausweichen, links und rechts nur gähnende Leere. Also müssen sie rennen, um rechtzeitig die andere Seite zu erreichen. Mir kommt heute keine schnaubende Dampflok entgegen, nur eine Pilzsammlerin.

Ich schwinge mich wieder aufs Rad. Kurz darauf bringt mich ein Warnschild zum Stehen:

Ein Flugzeug, das den Weg kreuzt, ist mir als Radfahrer tatsächlich noch nie begegnet. Ich wage mich in die Einflugschneise und sehe zu meiner Linken eine grüne Landebahn für Segelflugzeuge. Ich stelle mir vor, wie unbekümmerte Radfahrer:innen hier durchradeln und in letzter Sekunde den Kopf einziehen, um dem landenden Segelflugzeug auszuweichen. Wie viele Menschen sterben eigentlich jährlich an Kollisionen mit Segelflugzeugen?

Ich verlasse die Todeszone und fahre weiter.

Jetzt sehe ich mit eigenen Augen, warum mir eine Pilzsammlerin begegnet ist: Im Wäldchen jenseits des Flugplatzes wachsen erstaunlich viele und große Pilze. Insbesondere Fliegenpilze, tödlich und wunderschön, in rauhen Mengen. Manche sind so groß, dass ich ungläubig meine geballte Faust daneben halte.

Eine ganze Weile wandle ich durch den Wald. Lausche dem Wind in den Blättern. Dem Knistern von Zweigen und Ästen.

Immer wieder stoße ich auf die Relikte moderner Wohlstandsgesellschaft. Eine Komposition mit verwitterter Fanta-Flasche kommt mir wie eine Kunst-Installation vor. Ich nenne sie: "Capitalism meets Nature #3"

Ich steige wieder aufs Rad. Jetzt wird die Strecke immer abenteuerlicher. Das Befahren der meisten Wege, die Google Maps vorschlägt, ist durch die Goslarer Bergbaugesellschaft strengstens untersagt. Nachdem ich es halbwegs schaffe, keine strafrechtlich relevanten Wege einzuschlagen, liegt plötzlich Oker und das Okertal unter mir.

Der Herbst steht in voller Blüte und lässt die Bäume orangerot und braun leuchten. Eine graue Wolkendecke hat sich mittlerweile vor die Sonne geschoben. Die Farben werden dadurch satter und voller.

Holpernd und mit stets gezogener Handbremse rolle ich ins Tal hinab. Prestigebauten wie in der Goslarer Altstadt sucht man hier vergeblich. Einfache Häuschen mit Holzfassaden. Steile Straßen, von denen Reihenhäuser abzweigen. Die Kirchen wirken skandinavisch-robust und schlicht.

In Gesprächen erfahre ich, dass sich die meisten Menschen hier als "Okeraner" und nicht als "Goslarer" verstehen. Immerhin gehört Oker erst seit 1972 zur Stadt. Der Graben fußt aber viel tiefer in der Geschichte: Während sich Goslar seit dem frühen Mittelalter mit Kupfer- und Silberhandel profilierte und damit Sitz reicher Kaufleute war, lebten in Oker die einfachen Arbeiter, die in der untersten Kette der Erzverarbeitung tätig waren - und die nicht selten ihre Gesundheit bei der Verhüttung der Erze ließen. Bis heute sind die Böden mit Blei, Zink, Kupfer und Cadmium verseucht. Bis heute ist das Durchschnittseinkommen der Bewohner:innen niedriger als in der Stadt. Der sozioökonomische Graben zwischen Goslar und Oker ist historisch gewachsen - und hat sich nie richtig verwachsen. Umso wertvoller, dass die Zivilgesellschaft hier so stark ist: hier wird das Schwimmbad auf ehrenamtlicher Basis betrieben, hier engagieren sich pensionierte Lehrer:innen für Migrant:innen, die Tafel Goslar sitzt hier und vieles mehr.

Ich radle durch die Straßen Okers und erreiche schließlich das Fitnessstudio (wobei eher der Weg das Ziel war). Zwei Stunden später gehts entlang des Sudmerbergs, vorbei an McDonald's und Autowaschanlage, wieder zurück. Als ich von den Fachwerkhäusern der Goslarer Altstadt umgeben bin, ist meine Runde abgeschlossen – und mein Bild von Goslar um einiges reicher.

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