Räume schaffen in einem großen Haus namens Goslar

Möchte Goslar eine Stadt sein, die junge Menschen zum Bleiben (oder zum Kommen) einlädt? Dann muss sie eine offene und tolerante Stadt sein, die den diversen Lebensentwürfen unserer Generation gerecht wird. Die eine Heimat werden kann für Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religionen – oder eben für die LGBTQ+-Gemeinschaft. Rein statistisch gehören mindestens 10% aller Goslarer:innen hierzu.

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Geschrieben von Armin Wühle

Hin und wieder höre ich, dass das Thema jetzt überall sei – und dass man es (ehrlich gesagt) etwas satt habe. Man sei ja tolerant, aber müsse man in Film, Fernsehen und Medien ständig darüber reden?

Ich begegne solchen Haltungen (ehrlich gesagt) mit innerem Augenrollen, aber ich kann diesen Eindruck durchaus nachvollziehen: Gemessen an der Sichtbarkeit, die das Thema jahrzehntelang hatte, ist das Thema derzeit wirklich überall. Aber eben nur relativ gesehen – nach Jahrzehnten, in denen Queers* gar nicht oder nur am Rande (als Witzfiguren oder HIV-Kranke) vorkamen.

Auch deswegen habe ich den Verein GOslar QUEER besucht. Er wurde erst dieses Jahr gegründet – und soll ein Dach für verschiedene, eigenständige queere Gruppen in Goslar und Region sein.

Wie werden also LGBTQ+ in Goslar aufgenommen?

Mit einer Mischung aus wohlwollender Unterstützung und erhobenen Augenbrauen – das scheint zumindest das Ergebnis, nachdem ich mit einigen Vereinsmitgliedern gesprochen habe.

Natürlich habe sich gesellschaftlich einiges getan in den letzten Jahren. Auch habe man im Zuge der Vereinsgründung viel Unterstützung aus der Zivilgesellschaft erfahren – Parteien und Kirchen hätten regelmäßig Räume für Gruppentreffen zur Verfügung gestellt. Der CSD laufe mitten durch die Innenstadt, man stehe im guten Austausch mit Vertreter:innen der Stadt.

Dennoch: Als dieses Jahr ein Veranstaltungsort für den „Coming Out Day“ gesucht wurde, haben mehrere lokale Gastronomen wegen des Themas abgesagt. Hätten dieselben Gastronomen einem Kegelclub abgesagt? (Im hat’s schließlich geklappt.)

Am Bahnhof wurde auf einem Wandgemälde eine Regenbogenflagge übersprüht, ein paar Wände weiter finden sich Nazi-Schmierereien. Aufgefallen ist mir das schon am Tag meiner Ankunft, entfernt wurde es in all der Zeit nicht. Welcome to Goslar.

Und wenn es darum geht, für den GOslar QUEER-Verein eigene Räume zu finden, ebbt die Unterstützung teilweise ab.

Jetzt wollen sie auch noch eigene Räume? Wir sind doch mittlerweile in einer toleranten Gesellschaft angekommen! Der CSD läuft mitten durch die Goslarer Altstadt, die Ehe für Alle ist eingeführt. Wozu braucht ein Verein dann eigene Räume, womöglich gar aus städtischen Geldern finanziert? Können die nicht bei bestehenden Institutionen unterkommen? Wir wünschen uns doch nicht in eine Zeit zurück, in der sich Schwule und Lesben separieren müssten.

Dass es so einfach nicht ist, zeigen drei Gruppen, die ich exemplarisch vorstellen möchte. Die ersten beiden sind Teil des GOslar QUEER-Vereins – sie alle zeigen, wie wichtig queere Angebote für Goslar und ihre Bürger:innen sind:

 

Queeres Leben und Glauben (“Glaubens.SchnaQ”)

Auch wenn manches besser geworden ist, begegnet queeren Gläubigen nicht immer Offenheit in ihren Gemeinden. Wie lassen sich meine sexuelle Orientierung oder meine Geschlechtsidentität mit meinem Glauben in Einklang bringen? Jahrelang wurden Gläubige mit diesen Gedanken alleine gelassen, wenn nicht gar ausgegrenzt (wie auch die sehr sehenswerte Dokumentation Out in Church zeigt). In der Goslarer Gruppe können Gläubige (oder Suchende) unabhängig von Konfession und  Religionszugehörigkeit zusammenfinden. Hier werden Hände ausgestreckt, die jahrelang verwehrt wurden – und die keine bestehende Gruppe so leisten kann. Gerade in einer Stadt, die sich ihrer christlichen Traditionen bewusst ist, ein wichtiges Thema.

 

Schwule Väter-Gruppe

Als ich von der Gruppe höre, denke ich zuerst an Regenbogenfamilien – aktuell wird die Gruppe aber von Männern besucht, die bis vor kurzem (oder weiterhin) in einer heterosexuellen Beziehung leben. Der Gruppenleiter beschreibt die Situation eines Teilnehmers eindrücklich: Ich liebe meine Frau, ich liebe meine Kinder, ich übernehme Verantwortung in der Gemeinde  - und dann verliebe ich mich in einen Mann. Was mache ich da? Was werden Nachbarn sagen? Was Familie und Freunde? Eine solche Situation ist für alle Beteiligten eine enorme Belastung. Gerade dann braucht es Verbündete, die mit der Situation vertraut sind. Sollen sich diese Menschen in einem öffentlichen Café treffen? Oder an einem Ort mit großen Schaufenstern?

 

Queer im Alter ("Gaymeinsam Altern")

Insbesondere Menschen, die heute sechzig Jahre oder älter sind, haben noch ganz andere Zeiten erlebt. Ihre Erfahrungswerte und ihre Themen unterscheiden sich von denen jüngerer Generationen. Viele haben keine eigenen Kinder, und so bekommen etwa Wahlfamilien im Alter eine andere Bedeutung. Ein langfristiges Ziel der Gruppe ist es, ein queeres Wohnprojekt auf die Beine zu stellen, womöglich als Mehrgenerationenhaus, das barrierefrei ist, in der es womöglich eine Pflegestation gibt, und das vor allem queeren Menschen ermöglicht, gemeinsam alt zu werden und Gemeinschaft zu erleben.

 

Diese Gruppen (und viele weitere, die unter dem Dach von GOslar QUEER arbeiten, etwa die Jugendgruppe), zeigen, wie wichtig diese Arbeit ist. Und diese Arbeit braucht einen Raum.

Wenn wir uns eine Stadt als großes Haus vorstellen, in dem viele Menschen miteinander leben, ist der Wunsch nach einem eigenen Raum legitim. Es bedeutet nicht, dass man sich vor der Außenwelt verschließe – oder niemanden hinauslassen möchte. Aber kennen wir nicht alle das Gefühl, hin und wieder einen Ort zu brauchen, der nur uns gehört und in den wir uns zurückziehen können? Menschen, die einer Minderheit angehören, erleben dieses Gefühl regelmäßig. Ihnen Räume zu schaffen, bedeutet, sie zu sehen.

 

*queer ist ein Sammelbegriff u.a. für lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen (LGBTQ+) sowie all jene, die sich keiner bestimmten Geschlechtsidentität zuordnen.

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